„Er ist so gut mit mir. Viel zu gut und viel zu fein. Ich passe gar nicht zu ihm. Ich nähme ihn nie. Ach, Unsinn, er nähme mich nie. Ich und eine Pfarrfrau. Ich verstehe ihn auch gar nicht. Er sagt so sonderbare Sachen. Er glaubt manches nicht, was man glauben muß, um ein Pfarrer zu sein und das drückt ihn. Warum er es nicht glaubt, versteh’ ich nicht. Er wollte es mir erklären. Die Bibel sei etwas ganz anderes, als man gewöhnlich meine. Er ist so klug und gibt sich so viel Mühe mit mir, und gestern sagte er, ich solle ums Himmels Willen nicht denken, er sei nicht fromm. Gerade weil er fromm sein wolle, könne er nicht alles annehmen. Ganz bedrückt sah er aus. Ich habe ihn aber auf andere Gedanken gebracht. Schließlich lachte er wieder und sah mich so an, so — ich glaube, er kann mich furchtbar gut leiden.“

Der alte Riedesel saß schon lang mit der Brille auf der Stirn. „Ja, Kind, das glaube ich auch. Und wenn auch die andern flotter sind und lebiger, so ist er um so getreuer. Ich meine“ —

Aber da stand sie schon an der Tür: „Himmel, ich verschwatze mich ganz. Ich muß mit dem Karton hinunter. Die Mutter wartet auf den Samt. Heut abend bin ich zum Nachenfahren eingeladen. Ich ziehe mein blaues Satinkleid an. Nein, nicht mit ihm.“ Sie lachte. „Er ist viel zu ernsthaft und zu schwerlebig für mich, und viel zu gut. Er will mich auch gar nicht. Denke nicht daran.“ Fort war sie.

Und es kam der Tag, an dem die drei Wiblinger gen Tübingen fuhren. Jener Septembertag. Blau und golden stieg er herauf. Der alte Copist saß früh an seiner Arbeit. Er hatte es eilig. Schon zweimal war der Mediziner aus dem ersten Stock dagewesen: „Noch nicht fertig?“ Er wollte abreisen. Er war ein Sachse und er ging im Wintersemester an eine andere Universität, wohl nach Leipzig. Und Riedesel saß, schrieb und schrieb. Er hätte gern einiges da hineingeschrieben, das der Empfänger nicht an den Spiegel stecken sollte. Der hatte sich gewaltig mausig gemacht. „Fräulein Lore hier, Fräulein Lore da,“ und sich selbst eingeladen in die Ladenstube und so heimelich getan. Und nun ging er weg und tat, als ob nichts gewesen sei. „Glaubt ihr denn, das Kind habe kein Herz?“ Er knurrte vor sich hin, wie ein guter, alter Kettenhund.

Da — husch, das flog nur so, kaum hatten die alten Bretter auf dem Vorplatz Zeit zu knarren, so flüchtig gingen die Tritte darüber hin. „Herein.“ Er hob den Kopf. Kam sie so früh? „Holla, da ist sie. Und schon geschmückt, wie der junge Tag. Blau und golden.“

Ja, so war es. Die Morgensonne schien ihr gerade ins Gesicht und übers Haar. Und das Festkleid, das sie anhatte, war lichtblau.

Er blinzelte nach ihr hin. Die Augen taten ihm weh. Aber hier war etwas, an dem sie ausruhen konnten. Keine Spur irgend eines Kummers im Gesicht. Nun, ihm konnte es recht sein. Gestern abend war es anders gewesen. Er hatte nur zu trösten gehabt. „Ich gehe fort, sich will nicht mehr hier bleiben. Ich geh’ in eine Stelle; zu mindestens sieben Kindern.“ Alles wegen dieses langen und breiten Sachsen, der so viel — na ja, Lore hatte sich seine Huldigungen ja gern gefallen lassen. Aber wer hatte sie daran gewöhnt, wer?

Und nun heute früh das taghelle Gesicht. „So ist’s recht.“ Er legte die Feder hin. „Geht die Sache so bald los? Alle Achtung.“ Das war so eine Art von Besitzerstolz, was ihm aus den Runzeln seines alten Gesichts lachte. Die würden heut wieder die Augen aufmachen.

Da saß sie schon auf dem Bettrand. Vorsichtig hatte sie das Kleid glatt gezogen. Sie war zum Hausweihfest geladen. Darum war sie so geschmückt.

„Ich — ich fürchte mich halb und halb,“ sagte sie. Fürchten? Seit wann fürchtete sich Lore Maute vor einer Festlichkeit?