„Ja, vor dieser Gertrud Cabisius. Die kommt gleichfalls dazu und ihr Großvater, der Rektor Cabisius, auch. Der muß nun steinalt sein. Er war schon schneeweiß, als ich ihn das letzte Mal sah. Das ist nun dreizehn Jahre her. Was der noch bei dem Fest will? Und dann — Gertrud. Sie muß so überaus gescheit geworden sein. Sie kann alle alten Sprachen und hat alle Bücher gelesen, die es gibt, und daneben scheint es, daß sie ein Ausbund ist von allen Tugenden. Hu. Und dann ich daneben.“ Sie sah vor sich hin. Aber dann meisterte sie mühsam ein Lächeln, das ihr von innen heraus übers ganze Gesicht ging. Es half nichts, es wurde doch ein Lachen daraus. Riedesel verstand das Lachen.

„Ach, was habe ich zu fürchten?“ sagte es. „Gescheit mag sie sein, obgleich ich auch nicht dumm bin, und meinetwegen alles andere dazu. Ich aber, seht mich nur an. Ich brauche es ja gar nicht zu sagen, was ich voraus habe. Das wiegt einiges andere auf, mein’ ich.“

Aber dann wurde sie wieder nachdenklich. „Ich will nur sehen, was es heut’ alles gibt. Als die Mutter aufstand, mußte sie dreimal niesen. Nun sagt sie, es sei etwas Besonderes in der Luft. Was das wohl ist? Ich — es ist mir auch so sonderbar. Nämlich, Georg Ehrensperger — mit dem geht etwas vor. Er läuft herum, als ob er jetzt erst jung geworden sei. Das macht, er hat ein Lied komponiert, ein Festlied, das soll heut abend beim Kommers gesungen werden. Vorgestern abend war Probe. Da sind sie nachher alle auf ihn zugekommen und haben ihm zugetrunken und sind ganz stolz auf ihn. Das ist so neu. Bisher ging er immer zwischen den andern herum, so — fast schüchtern, daß er überhaupt da sei. Und jetzt ist das so.“

Sie wurde ganz warm. Ihr alter Freund und Liebhaber mußte sie nur ansehen. Unten rief die Mutter: „Lore, wo bleibst du? Komm herunter, der Herr Georg ist da.“ „Ja, gleich.“

Da knarrte es auf der Stiege und gleich nachher kam der, von dem sie sprachen, ebenfalls in die Kammer herein. Er war schon vor längerer Zeit einmal dagewesen. Nein, wie verändert sah er aus. Größer und stattlicher, und den Kopf trug er hoch und frei. Im Sammetrock, das Band über der Brust, die Mütze in der Hand.

„Lore, ich wollte dir nur sagen, daß ich jetzt an die Bahn gehe. Nachher komme ich mit Gertrud hier vorbei und hole dich ab. Dann gehen wir in meine Stube und ich spiele euch mein Lied vor, vielleicht auch sonst noch etwas. Ich wollte dir sagen, daß du dich bereit haltest. Aber du, du bist ja schon fix und fertig.“

Er sah sie lachend an und sie ihn.

Dann ging er wieder.

Und Lore stieg hinter ihm drein die Treppen hinunter. Sie dachte jetzt nicht an sich, sie dachte an ihn, der so treulich sein Erleben mit ihr teilte. Sie war so viel Schwankendes, Unechtes gewöhnt geworden, so viel leichtes Obenhinleben. Bei ihm aber stieg alles aus einem tiefen Grund heraus. Alles. Er war so ganz er selbst, ob er nun Freude empfand oder Druck und Sorgen. Er spielte nie etwas, er war immer so, wie er war. Ach, wie oft hatte sie ihn darum ausgelacht, daß er alles so ernsthaft nahm. Hatte ihn noch ausgelacht, schon als es ihr längst nicht mehr so war. Sie wollte das Neue, Ungewohnte, das Innige, das sich in ihr regen wollte, hinweglachen. Wie sie es als Kind in Frau Judiths Stube hatte weglachen wollen.

Aber nun konnte sie nicht mehr damit fortkommen.