Es saß etwas im Winkel ihrer Seele, das breitete die Arme aus nach — ja, nach was denn? Vielleicht nach Liebe. Jedenfalls nach etwas ganz Echtem.
Sie stand am Fenster und sah ihm nach, wie er über die Neckarbrücke schritt. Wenn nun alles anders wurde mit Georg Ehrensperger? „Ich kann nie eine Pfarrfrau werden. Dazu passe ich nicht ein bißchen. Ganz anders muß mein Leben aussehen. Ach — tralala, er wird ja gar kein Pfarrer.“ Es hatten schon so viele Theologen umgesattelt, gerade noch vor Torschluß. Das wissen die Mädchen in den Universitätsstädten gut. Warum sollte er es nicht auch können? Er trug ja so schwer an der Theologie. Da reihte sich plötzlich in heiterem Farbenspiel Bild an Bild vor ihren Augen. Ein heiteres, behagliches Heim, nicht glänzend, wie sie vordem oft gedacht hatte, aber freundlich und ohne Sorgen und mit ihm, der dort so aufgerichtet hinging; in den Kreisen guter, angesehener Menschen, und sie selbst, Lore, dazwischen, fleißig und häuslich, gut und lieb. Sie dachte an das Rektorhaus in Wiblingen. — Was? Ein Tropfen auf dem schönen Kleid? Wahrhaftig, noch einer. „Ich glaube gar, ich stehe hier und flenne. Das fehlte noch. Tralala. Ein bißchen eleganter muß es schon sein. Die Rektorin. Ich danke für solche Hauben und so weiter.“
Da steckte Frau Maute den Kopf zur Tür herein, fast schüchtern: „Lore, was soll ich nur tun? Ich habe gestern Abend das Paket für unsern Herrn vergessen. Es sollte auf die Post. Nun liegt es noch da. Der wird schön schelten. Könntest du nicht auf den Laden acht geben? Ich mache mich fertig und trage es hin.“
„Das tu’ ich, Mutter.“ Sie sagte es ganz freundlich. „Ich ziehe den Regenmantel über das Kleid. Nein, laß nur. Ich habe schon noch Zeit.“
Die Neckargasse ging sie hinauf, dann an der Stadtkirche vorbei. In der schmalen Gasse, die nach der Stadtpost hinunter führt, gingen zwei Studenten dicht hinter ihr. „Der Ehrensperger, der hat’s in sich.“ Sprachen sie von Georg? Ihr feines Ohr fing den Namen sogleich auf.
„Ja, der. Stille Wasser — und so weiter. Ich hätt’s nicht hinter ihm gesucht. Der Hornstein, der auch am liebsten irgendwo hinaus möchte, wo kein Loch ist, nur nicht ins Pfarramt, der sagte gestern Abend zu ihm, ich hab’s mit angehört: „Mensch, wenn ich du wäre, ich hielte nie eine andere Predigt, als so eine. Was? Musik ist auch eine Predigt.“
„Jetzt geht,“ sagte der erste Sprecher wieder, „der Mensch drei Jahre unter uns herum. Ein guter Kerl, aber ein bißchen, na — soll ich sagen, langweilig? Und jetzt zum Schluß noch so ein Glanz. Der läßt noch von sich hören, denk’ an mich.“
„Du, aber mit seiner Musik ist er immer wieder aufgetaucht. Man hat ihn nur nicht so ankommen lassen. Heut freilich“ —, da bogen sie rechtsum und Lore mußte links gehen.
Das war aber noch der Mühe wert gewesen, auf die Straße zu gehen. Das wollte sie meinen. Nun, er sollte es zu spüren bekommen, daß sie in Zukunft mehr Respekt vor seiner Kunst haben wollte. Denn, sie mußte es gestehen, sie hatte ihn oft leer abziehen lassen, wenn er etwas von ihr begehrte, ein Zuhören, ein Mitschwingen. „Ach, schaff’ etwas anderes, etwas rechtes,“ hatte sie oft gesagt und manchmal nur, um ihn zu ärgern. Aber das kam nun anders, holla.
Konnten ihn seine Kameraden ehren, — sie konnte es gleichfalls und noch ein bißchen besser.