Sie rief in Gedanken das ganze Ehrenspergerhaus, das sie so gut kannte, zum Zuhören auf. Lauter Wohlklang war es, was die beiden vorhin gesagt hatten.

Es schoß ihr eine Blutwelle bis unters Haar, als es ihr einfiel: im Frühling, als das letzte Semester anfing, da hatte er daheim in Wiblingen davon geredet, daß er am liebsten jetzt noch umsatteln und Musik studieren wolle.

Er hatte es ihr erzählt. Wie sie da gelacht hatten und gewettert und sich geschüttelt: „sonst weißt du nichts mehr? ein Musikant? aber das konnte man kommen sehen. Immer zuviel den Willen hat man dir gelassen; rein überspannt bist du geworden.“

Jungfer Liese lebte damals noch und schüttelte den Kopf: „all’ das verstudierte Geld.“ Und die Schwägerin: „du denkst wohl, das finde man hier auf der Gasse?“ Und der Müller Hensler: „Kopf hoch, Bub, wenn man noch so sagen darf. Jetzt hast auf den Pfarrer studiert und jetzt wirst einer. Trink eins; das sind Grillen, die muß man fortschwemmen.“

Sie wußte es wohl noch, sie, Lore Maute, hatte mit eingestimmt, als er es sagte: „Ach, das wirst du doch nicht im Ernst wollen? Du sinnst dir auch Sachen aus. Aber so bist du immer gewesen. Ganz recht haben deine Leute.“ Er aber hatte darauf, halb zaghaft und halb trotzig geschwiegen und war bisher im alten Gleise weitergegangen. Es war nur eine Scheu vor dem einen, eine Sehnsucht nach dem andern in ihm, keine stürmende Gewalt, ein Möchten, kein Müssen.

Aber nun war es auf einmal, als breche sich etwas mächtig Bahn.

„Nur schnell, nur schnell nach Hause. Denn ich muß da sein, wann er kommt. Ich will mich weder vor Gertrud, noch vor sonst jemand scheuen. Ich habe viel hereinzuholen, und das will ich auch.“

Ging da der Mieter, der lange Sachse? Er sah über die Straße herüber und grüßte und sah sich noch ein paarmal nach ihr um. Das sah sie mit einer Viertelswendung des Kopfes. Ein kleiner Stich ins Herz — ach, so lauf doch. Sie hatte ihn ja nie ganz ernst genommen. Sie hatte nie zuvor irgend jemand ganz ernst genommen, es war immer ein wenig Spiel dabei gewesen trotz manches Kummers und mancher Wünsche und Hoffnungen. Aber so blieb es nicht immer. Nein, so blieb es nicht immer.

Zehntes Kapitel

Die drei Wiblinger fuhren mit ihrem Wägelchen bei einem alten Bekannten vor, der einst mit dem Vater Ehrensperger auf der Wanderschaft gewesen und somit auch eine Art Studiengenosse von ihm war, sozusagen, da es heut schon so akademisch zuging. Jetzt hatte er einen Mehlhandel, den indessen seine Frau besorgte und der ihm Zeit genug ließ, sich einer kleinen Weinwirtschaft zu widmen, die er in einem niedrigen, halbdunklen Loch von Wirtsstube hielt. Es verkehrten da hauptsächlich Handwerksleute, die etwa einen Zwischentrunk unter die Arbeit hinein tun wollten und die ganz ohne Umstände in Schurz und Hemdsärmeln kamen, und solche, die sich zu einem stillen, dauerhaften Abendschoppen versammelten. Ihnen allen widmete sich der frühere Wandergenosse auf die Art, daß er sich sowohl zu den Morgen-, als zu den Mittags- und Abendgästen fest und beharrlich hinsetzte und ihnen bei der Trinkung seines Weines mit eigenem Beispiel voranging. Auch hielt er für den allgemeinen Nießbrauch eine birkene Schnupftabaksdose von riesigen Dimensionen im Umlauf, daraus konnte jeder Gast nach Belieben schnupfen und sich so das Hirn erleichtern, das ihm irgendwie schwer war. An diesem Tagewerk nun trafen die drei Wiblinger den Wirt und setzten sich sofort zu ihm nieder, um die alte Bekanntschaft aufzufrischen. Franz der Ältere und der Müller Hensler waren auch bald in einem Fahrwasser, das ihnen ganz vertraut war, indem sie mit aufgestützten Ellbogen an dem runden Tisch saßen und einmal übers andere mit dem früheren Wandergenossen anstießen, im Übrigen aber vorläufig die Mitwelt sich selbst überließen. Sie wurden noch um ein Weniges vergnügter und bekamen, — denn der Wirt war gleichfalls ein kurzer, breiter, dicker Mann und von ähnlicher Beschaffenheit, wie die Wiblinger, — alle drei rote Köpfe, und saßen so wie drei Leuchtkugeln in dem dunklen Loch von Wirtsstube.