Es schien ihm, da er sie so beisammen hatte, alle Fülle unter sein Dach eingekehrt zu sein; denn was er an der einen manchmal vermißte, das hatte die andere an sich, und so bildeten sie ihm miteinander einen reichen Hort von Holdseligkeit, Liebe, Freundschaft und ernster stiller Klugheit, den er hätte am liebsten immer in erreichbarer Nähe behalten, um bald das eine, bald das andere nach Bedürfen daraus zu entnehmen.
Das war nun zwar nicht wohl möglich. Da er die beiden aber wenigstens zu dieser Stunde so erfreulich beisammen hatte, so konnte er sich für den Augenblick aller weiteren Gedanken entschlagen und die schöne Gegenwart genießen.
Er tat sein Möglichstes dazu. Er wollte so gern für heute, nur einen Tag lang, alle ernsten Pflichtgedanken in den hintersten Winkel seines Bewußtseins verschließen. Morgen, da mußte er sie ja wieder hervorholen. Er warf einen scheuen Blick nach den Büchern, die auf einem Tisch in der Ecke aufgestapelt lagen.
Dort drinnen lag ein ganzes Heer von Geistern und Geistchen verschlossen, und sie waren ihm nicht alle freundlich gesinnt. Lange nicht alle. Er hatte sie zum Teil etwas vernachlässigt, das ließen sie ihn empfindlich fühlen. Manche schienen ihm so trocken, wie der Wiblinger Feuersee an heißen Sommertagen, und manche so eigensinnig und widerspruchsvoll wie ein alter Schafbock. Manche aber, das war das Schlimmere, standen vor seinen Augen auf und wurden groß, immer größer und sahen ihn streng und ernst an.
„Lehre,“ sagten sie, „predige. Du weißt doch alles, was zu glauben ist? Du glaubst es doch? Nicht? Du sollst aber. Eidlich sollst du es versprechen. Vom Höchsten und Tiefsten sollst du reden, was es gibt: von dem Gott, der in und hinter allen Dingen ist. Aber nicht so geheimnisvoll. Klar und deutlich sollst du es sagen: Was? Das kann man nicht? Das kann man wohl. Du tust, als ob es keine Offenbarung gäbe, du. Du hast dich nicht mit uns auseinandergesetzt, wie du solltest.“
Ach nein, das hatte er nicht. Er hatte mit diesen Riesen nie recht gerungen. Er war ihnen öfters davongelaufen, denn er fürchtete sie. Es ging ihm, wie Mose, als er zum Ägypterkönig sollte: „Sende, welchen du willst.“
Nur, Mose war dann schließlich doch gegangen. Er aber? Was wollte aus ihm werden? —
„So, jetzt will ich mein Lied spielen. Hört zu.“
Als er mitten drin war, klopfte es und dann trat sein Bruder Franz herein.
„Nein, aber ihr seid gelaufen. Ich verlor euch auf einmal aus den Augen. Ein paar kleine Buben haben mir den Weg gezeigt. Grüß Gott übrigens.“