Nein, davon wußten sie in Wiblingen nichts. Sie waren hergefahren, um ihn aufzumuntern. Er hatte doch sein Examen noch nicht gemacht? Worauf denn stolz?

Und dann saß Georg wieder am Klavier und spielte. Wenn er aufsah, dann fiel sein Blick auf Gertrud. Die hatte den Kopf vorgeneigt und horchte. Den Arm hatte sie leicht auf das Klavier gestützt. Er sah, daß sie sich mitfreute, als ob das Lied ihr eigenes wäre und daß sie alles verstand, was er darin zum Ausdruck bringen wollte. Das belebte ihn so, daß er sogleich fortfuhr und, wie er am liebsten tat, ein wenig phantasierte.

Hinter ihm saßen auf dem Sofa Bruder Franz und Lore. Zweimal ging die Tür. Einmal kam Meister Riedel herein. Den hatte er im Heraufgehen gebeten, zu kommen, denn er wollte ihn gern mit Gertrud bekannt machen. Er hatte ein sauberes Wams angezogen und sein blauer Schurz war neu. Er ließ sich dicht neben der Tür auf einen Stuhl nieder. Das zweite Mal kam der Rektor Cabisius. Er winkte mit der Hand, Georg solle fortfahren: „Wir sprechen uns dann nachher.“ Ja, das dachte Georg auch; aber unwillkürlich ging das auch in sein Spiel über, was er nachher bereden wollte.

Gertrud verstand ihn auch jetzt. Sie hatte einen besonderen Sinn des Verstehens für ihn.

Wie reich bin ich heut, — sagte ihr sein Spiel. — Alles ist um mich, was in Wahrheit zu mir gehört, alles ist freudig und freundlich. Ach, wie schön ist das Leben, eine Fülle hat es, auch für mich. Wo ist das Öde geblieben, das Leere, Hungrige? Wo ist das machtlose Nichtkönnen? Hohe, starke Wellen schlägt das Leben, und ich — ich werfe mich in die Fluten. Es trägt mich, — ja, es trägt mich.

Dann schlug er weiche, leise Töne an.

Hilf mir, guter Geist, sagten sie. Was soll ich tun? Es ruft mich nach zwei Seiten. O Gott, du frommer Gott, du Brunnquell aller Gaben. — Ja, da war wirklich die Choralmelodie dazwischen und rief nach einem Rat, nach einer Klarheit.

Ich, — ich sehe dich nicht, wie du bist. Aber ich will dir dennoch dienen.

„Du Lieber,“ dachte Gertrud, „versuch’ es nur, fang nur an. Es wird dir schon gelingen.“ Sie dachte wohl an das Examen und das Pfarramt. Georg sah plötzlich in ihr Gesicht, und irgend etwas drin reizte ihn. Sie sah so mütterlich-verständig aus.

Und auf einmal brach die zarte Melodie ab, die wie das Rufen einer Kinderstimme geklungen hatte: hilf mir, guter Geist, — und es tat ein paar rasche Schläge, hinunter — hinauf, dann brach ein Wetter aus dem Klavier.