„Ich will nicht immer sollen und müssen. Still. Laßt mich. Laßt mich meiner Wege gehen. Ich will es ergreifen, das, was mein ganzes Wesen will. Ich will es erreichen.“

Es war, als ob einer alles Schöne an sich risse mit einer drängenden Leidenschaft des Lebens.

„Jetzt geht es mit ihm durch,“ dachte Gertrud.

Sie war warm verständnisvoll mitgegangen bisher. Sie versuchte, auch das zu verstehen. Denn er brach immer von Zeit zu Zeit einmal über die Ufer, wie ein Bach im Frühling. Das war ihr so bekannt, daß sie lächeln mußte, wie jemand, der plötzlich an einem bärtigen Mann das Kindergesicht von ehemals wieder in irgend einem Zug entdeckt. Nur, es war diesmal ein verzweifelter Ernst darin, vor dem sie dennoch erschrak.

„Was hat er im Sinn?“ Mit einem jähen Aufschrei brach das Spiel ab. Da sprang Georg auf. Meister Riedel bewahrte den Stuhl vor dem Umfallen und dabei trafen seine Augen Gertruds Gesicht. Und er trat zu ihr und bot ihr die Hand und sie hatten von diesem ersten Augenblick an ein Wohlgefallen aneinander.

Lore war zu gleicher Zeit aufgesprungen. Wie Feuer brach es aus ihren Augen, sie atmete rasch und erregt. „Du,“ sagte sie, und achtete nicht auf die andern und streckte Georg beide Hände hin, „du bist anders als ich meinte. Du bist auf einmal aufgewacht. Du führst das alles aus, was du dir vornimmst. Das Letzte, das war schön. Das hab’ ich ganz verstanden.“

Jetzt war nichts Vorsätzliches, Bedachtes in ihr. Das Leidenschaftliche, das hatte sie aus allen Gedanken gerissen.

Ach, wie schön erschien sie ihm so. Und sie hatte ihn verstanden. Georg hätte sie am liebsten in den Arm genommen. Es sprangen Funken herüber und hinüber, aus ihren Augen in die seinigen, aus einer Seele in die andere.

Und in diesem Augenblick geschah es, daß Georg Ehrensperger mit Wissen und Willen eine neue Richtung in seinem Leben einschlug. Er ist sich sein Lebenlang der merkwürdigen Vorgänge dieses Augenblicks bewußt geblieben, da es ihm vor den Augen flimmerte und in Hirn und Herzen brauste vor dem Wogen und Wallen seines aufgestörten Blutes, und da doch unten in seiner Seele ein klarer, kühler Entschluß aufstieg: ich tue es.

Wie in einem Spiegel sah er sich: es ist nicht nur die Scheu, von inneren Dingen zu reden und nicht nur der Mangel an rechtmäßigem, erforderlichem Glauben, der dich abhält, in das Pfarramt zu treten, sondern noch viel mehr ein starker Zug in das weite und breite Leben hinaus, dessen Beschaffenheit du noch gar nicht kennst, und ein Wille, die reiche Welt ans Herz zu nehmen und ihren Pulsschlag zu erlauschen, auch da, wo sie nicht von geistlichen Dingen redet.