Zugleich aber fühlte er den starken Trieb, männlich in die Reihen zu treten und doch auch etwas zu leisten, das die Welt ohne ihn nicht hätte, etwas, das ganz und wahrhaftig seinem eigenen Wesen entspräche und also auf Wahrheit beruhe von innen heraus.
Es schien ihm, als ob aller Zweifel und alle Unklarheit seines Wesens von diesem Augenblick an abgetan sei, da er sich entschlossen hatte, die Gabe, die ihm als seine eigenste vorkam, zur Aufgabe und Führerin zu machen, koste es, was es wolle. Freilich sah er das alles zusammengefaßt als in einem Brennpunkt in den leuchtenden Augen des schönen Mädchens, das ihm darum von der Minute an so sicher und fest zu seinem neuen Weg gehörte, wie ein glänzender Stern, nach dem ein Wanderer die Richtung einhält.
Er bedurfte aber nicht so lang, um dies alles von sich zu wissen, als es Zeit braucht, es zu erzählen. Sondern in wenige Sekunden drängte sich die neue Erkenntnis zusammen, die ja freilich vorbereitet in ihm gelegen war. Es war, als ob jemand ein brennendes Streichholz an ein sorgfältig aufgeschichtetes Feuerholz gehalten hätte. Es flammte auf und brannte sogleich, hell und ohne Einhalt und gab nur wenig Rauch. Er hörte zu, was der Rektor Cabisius sagte, gab über dies und das Bescheid, und wußte nicht, daß sein junges, offenes, erregtes Gesicht so gar nichts verbergen konnte.
„Ich will hingehen und sie für mich gewinnen. Es ist ein Wunder, daß ich es kann. Sie ist für mich gewachsen, ich weiß es seit dieser Stunde. Und wenn ich sie habe, dann habe ich auch Melodien. Lauter Lieder von Freude, Jugend, Leben und Liebe habe ich dann. Lauter Lieder von der Schönheit. Wie ein quellender Brunnen wird sie für mich sein, aus dessen blinkender Flut ich unaufhörlich schöpfen kann. Und Gertrud. Gertrud geht mit uns beiden, wie bisher mit mir. Sie ist mein bester Kamerad. Das wird ein Leben.“ So dachte er und das trat ihm in die Augen, das machte sein ganzes Gesicht warm und glücklich.
„Du Lieber,“ dachte der Rektor, „du bist mir wie ein Sohn. Ich darf dich nicht halten. Ich muß dich dein Leben selbst erleben lassen. Schwer ist es. Ich möchte dir weite Umwege ersparen, denn das machst du. Aber ich darf nicht. Du möchtest dich sonst noch schlimmer losreißen. Ach, möchte ich noch für dich da sein, wenn die hohe Flut verlaufen ist. Siehst du, du willst alles mitnehmen. Satt trinken willst du dich an der Freude. Schaffen willst du und meinst es zu können, weil die Saiten deiner Seele zittern von Liebe und Leidenschaft und Begeisterung. Aber das Große, Echte, das wird nicht so leicht geboren. Und du bist nicht mit dem Geringeren zufrieden, du kannst es nicht sein, dazu ist dein Geist zu hungrig und zu tief.“
So waren der Beiden Gedanken, und daneben sprachen sie von dem neuen Haus und den Bundesbrüdern und kamen auch auf das Examen. Und auf einmal sah der Jüngere, wie warm und liebend die alten Augen auf ihm lagen, und er faßte die Freundeshand.
„Ach, ich möchte dir so viel sagen, alles.“
Da trat Gertrud zu ihnen.
„Wollen wir nun gehen? Es wird Zeit sein. Wir wollen doch dabei sein, wann der Schlüssel übergeben wird.“
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