Im Glanz der Septembersonne lag das neue Haus. Es war ein Stück weit den Österberg hinangestiegen, um besser auf die alte Stadt, auf den schimmernden Fluß und auf das sonnige Tal heruntersehen zu können. Die neue Fahne in den Verbindungsfarben wehte, von einem leichten Lüftchen bewegt, die hellen Fensterscheiben glänzten; Kränze und Girlanden hingen an allen Türen und Fenstern.
Der Baumeister übergab den Schlüssel. Die Rechnung übergab er ein anderesmal. Der Rektor Cabisius als der älteste der alten Herren steckte den Schlüssel ins Schloß und öffnete die Tür, und sagte, was ihm der Augenblick eingab, als er alle die jungen und die alten Männer sah, die bereit waren, über die neue Schwelle zu schreiten.
Davon redete er, daß das Haus ein gemeinsamer Hort für sie alle sein solle, in dem sie sich zusammenfinden könnten, um sich immer neue Lust und neuen Mut zu allem Großen und Guten beieinander zu holen. Gott und den Menschen wollten sie dienen, jeder mit seiner Gabe; keiner sei nur für sich selbst da; auf jeden warte die Menschheit irgendwie. Kein Pfund solle vergraben, keine Kraft vergeudet, keine Fähigkeit ungenützt gelassen werden. Dazu wollten sie sich in Freundschaft verbinden.
Er sagte noch mehreres, worauf die Alten den Jungen und die Jungen einander die Hände reichten. Es war viel froher und ernster Mut zu starkem und rechtem Tun beisammen zu dieser Stunde. Und darauf floß der Strom der Verbrüderten und ihrer Gäste über die Schwelle. Gesänge erschallten, Scherz und Lachen und fröhliches Staunen füllte die Räume, Freude blitzte aus den Augen, Freunde fanden sich zusammen, sowohl junge als alte. Gertrud Cabisius stand dicht neben ihrem Großvater. Leise schob sie ihre Hand in seinen Arm. Wie schön war das alles. Wie weitete es ihr das Herz. War nicht Freundschaft, die sich in allem Großen und Guten fand, das Schönste, was es geben konnte? Da kam er, der ihr Freund und Bruder gewesen war, seit sie denken konnte, auf sie zu: „Was sagst du dazu, Gertrud? Was sagst du zu dem allem?“ Er hatte zwei oder drei Studenten bei sich und machte Gertrud mit ihnen bekannt. „Ihr wißt von ihr, ihr kennt sie; sie ist gescheiter, als wir alle. Sie ist meine ganz gute Freundin.“
Was sie dazu sagte? Es war, als ob das große Studentenbild in des Großvaters Stube lebendig geworden sei und sich hier herum bewege. Diese Menschen kannte sie alle. Sie hatte keinen von ihnen je gesehen, aber darum kannte sie sie doch. Sie, die nie dazu gekommen war, Mädchenfreundschaften zu pflegen (die lahme Kameradin aus der Volksschule ausgenommen), sie hatte das Gefühl, als ob sie diesen allen wesensverwandt sei. Hoch und stark klopfte ihr das Herz. „So gefällst du mir,“ sagte Georg zufrieden. „Du warst vorhin so finster.“ „Finster?“ „Ach nein, nicht gerade, aber so ausgelöscht. Ich sehe es so gern, wenn du ein vergnügtes Gesicht machst.“
„So?“ Sie lachte. Ja, das war vorhin auch nicht schön gewesen, was ihr geschwind übers Herz gekrochen war, als sie Georg und Lore miteinander beobachtet hatte. Eine ganz ungewohnte Empfindung. Eifersucht? Gertrud Cabisius und eifersüchtig? Ach, Unsinn. Sie brauchte es ihm zum Glück nicht zu sagen und wischte die noch einmal aufsteigende Erinnerung daran hinweg, wie einen Staubfleck vom Kleide. Das fehlte noch.
Einer der jungen Männer trat zu ihr hin und es stellte sich heraus, daß es ein alter Bekannter von der Wiblinger Lateinschule war und daß Gertrud mit ihm auf den Bänken gesessen hatte — einst: Fritz Hornstein, den sie hinter seinem Bart nicht mehr erkannt hatte.
Natürlich sprachen sie von Georg, und natürlich sprachen sie von ihrer gemeinsamen Kindheit. Georg und immer Georg.
„Wie warm sie wird,“ dachte Fritz Hornstein. „Wie natürlich und offen sie ist. Es ist kein Wunder, daß er stolz auf sie ist. Sie ist ein feines Mädchen.“
Als sie sich trennten, gab er ihr die Hand. Er hoffte, sie heute noch öfter zu sehen.