Aber wußten sie denn nicht, daß Gertrud in ihren Gesichtern zu lesen verstand? Dachten sie nicht daran, daß das Feuer ihrer Augen und die Unruhe in Georgs Wesen und das übermütige Lachen in Lorens Gesicht eine Sprache redete, die sie nicht mißverstehen konnte?
Sie dachten nicht daran. Aber darum war es doch so. Sie waren im festlich erleuchteten Saale. In hohen Wellen ging die Festesfreude, — Gesänge erschallten, Trinksprüche wurden ausgebracht, Freund- und Bruderschaften wurden geschlossen, es schäumte das Bier in den Krügen, es funkelte alter Wein in den grünen Römern, es leuchtete die Lebensfreude in jungen Angesichtern und in alten, jung gebliebenen Augen.
Der Rektor Cabisius saß mitten im Saal und war der Jüngsten einer und trug das Band über der Brust und sein weißes Haar glänzte wie Silber.
Das Festlied war durch den Saal geflutet; der junge Komponist fühlte sein Herz schwellen vom Glück der Gegenwart und vom verheißenden Leuchten der Zukunft. Was war schön, wenn es nicht diese Stunde war? Sie stießen mit ihm an, sie tranken ihm zu. Und Lore trat zu ihm, rasch und leicht kam sie durch den Saal auf ihn zu. Sie war stolz und froh. Fing sein Stern schon an, zu glänzen? Sie wollte ihren Teil daran. „Du,“ sagte sie, „Du bist der König.“ Er ließ seine Augen auf ihr liegen. „Deiner?“ fragte er, und sie nickte lachend: „auch, aber nicht nur meiner.“ Da zuckte er zusammen und hob die Hände und ließ sie wieder sinken. Zu Fäusten ballte er die niederhängenden Hände, damit er sie ihr nicht vor aller Welt um den Hals lege. „Und du, du bist die Königin,“ sagte er. „Deine?“ sie fragte es mit einem trunkenen Leuchten ihrer Augen. „Ja, meine ganz allein. Morgen gehn wir noch einmal in den Wald, da setze ich dir ein Krönelein auf.“
Ach, wußten sie nicht, daß hinter ihnen Gertrud an einer Säule stand? Sie war von der andern Seite her durch den Saal gekommen. Sie war immer zu Georg gestanden, wenn er Wichtiges erlebt hatte. Und sie wußte, daß ihm sein Lied wichtig sei.
Ja, da kam sie gerade bis an die Säule, und sie hörte und sah, und konnte keinen Schritt mehr vorwärts tun und konnte kein Wort sagen, und wußte nicht, wo sie hinsehen sollte, um ihre Not zu verbergen.
Und als die beiden weitergingen, da wandte sie sich leise um und ging mit schweren Tritten zu ihrem Platz zurück. Nun war das alles, was ringsum flutete, farb- und tonlos geworden. Nun waren es fremde, lauter fremde Menschen, die sich da herumbewegten. Was sollte sie unter ihnen? Sie war allein mit sich, und etwas in ihr schrie auf.
Still, daß es niemand hört.
„Großvater, bleibst du noch lang da? Ich — ich bin müde.“ Sie zwang sich, zu lächeln: „Ich bin das alles nicht gewöhnt. Feste feiern, das muß man auch üben.“
Er sah auf, er sang eben aus Herzensgrund mit. „O alte Burschenherrlichkeit, wohin bist du verschwunden?“ Die alten Herren, das heißt, die Alten unter ihnen, hatten sich zusammengesetzt und die Geister ihrer Jugend waren bei ihnen.