„Ist es schon so spät? Du siehst blaß aus, Kind. Ja, ich wollte, — das heißt, natürlich begleite ich dich nach Hause, wenn du willst. Oder, ja so,“ er sah sich suchend um, „das darf ich ja nicht, das will ja wohl der Georg, das ist sein altes Recht. Der ist ja wohl heut Hans in allen Hecken, nicht?“
Sie nickte, schwer und freudlos. Er hätte es sonst zu allen Zeiten gesehen, aber er war jetzt gerade ein wenig geblendet. Es ging so ein Klang aus alten, schönen Zeiten durch den Saal rund durch den Rektor Cabisius hindurch.
„Nun, da kann ich ja wohl noch ein bißchen bleiben? Soll ich dir den Georg holen? Nicht? Siehst du, da kommt er schon. So ein langer Mensch, er ragt über alle andern hinaus.“
Er nickte ihr zu. „Gute Nacht, Kind. Schlaf gut, morgen ist auch noch ein Tag.“
Da floh sie aus dem Saal. Was sollte sie noch hier?
Sie fand ihren Weg allein. Es war nicht so weit nach dem Gasthof zum Lamm. Und wenn es weit gewesen wäre, sie hätte sich nicht gefürchtet. Was gab es, das nun noch zu fürchten war? Ein schweres, schweres Steingewicht trug sie in sich, das wollte sie langsam und stumm zu Boden drücken.
Elftes Kapitel
Morgennebel wogten durch das Tal, von ferne rauschte der Neckar, still lag die Stadt, es war noch früh. Still lag das Gasthaus zum Lamm, nur der Hausknecht ging und öffnete die Haustür, und ein halbwüchsiger Bube saß in einem blauen Schurz auf der Steinbank und hatte eine Stiefelversammlung um sich und wichste darauf los. Es war eine erfreuliche Beschäftigung; man hatte sein redliches Teil an der Weltverbesserung, wenn man Stiefelputzer im Lamm in Tübingen war. Der Bub pfiff denn auch drauf los, was er konnte, ihn freute sein Morgen, das konnte man deutlich sehen. Aber nun unterbrach er sich, mitten im Liede von der Leineweberzunft, und riß seine hellblauen Augen weit auf. Es war aber auch kein Wunder. Wenn man vor Tau und Tag aufsteht, damit an allen Türen zu rechter Zeit die glänzenden Stiefel stehen, und da geht Nummer siebenundzwanzig in aller Gottesfrühe zum Haus hinaus, und hat natürlich ungeputzte Schuhe an, und macht ein Gesicht, — ein Gesicht, so geisterhaft ernst, daß man gleich —, der Schuhputzer wußte nicht, was man gleich konnte, etwas Erfreuliches sicherlich nicht. „Nummer siebenundzwanzig hat die Schuhe nicht herausgestellt,“ sagte der Hausknecht; „und da hat man’s nicht putzen können,“ sagte der Bub, und so fühlten sie sich beide unschuldig an dem Kummer von Nummer siebenundzwanzig, und der Bub fuhr fort, das Leineweberlied zu pfeifen. Es konnte ja einer nicht mehr tun, als seine Schuldigkeit.
Zum Haus hinaus und durch die morgenstillen Gassen schritt sie, die im Lamm Nummer siebenundzwanzig war. Sie wollte gern irgendwo hinkommen, wo keine Menschen und keine Häuser waren; es konnte jemand erwachen und zu ihr kommen und sie fragen: „was ist dir?“ — und konnte sie zu trösten versuchen. Sie hatte die Nacht hindurch auf den Morgen gewartet, bald schmerzhaft wach, bald, was schlimmer war, in einem dämmernden Halbschlaf. Nun war sie auf den Füßen und trug sich selbst hinaus aus dem Menschenbereich. Sie wußte nicht so recht, wo es hinging; ihre ernsten Augen suchten einen Ausweg aus dem Gäßchengewirre; sie machte wohl Umwege, aber endlich fand sie doch eine schmale Steige, die aufwärts führte. So mag einst Noahs Taube unsichere, suchende Flügelschläge getan haben, ob sie irgendwo in der Wasserwüste einen Ort finde, da sie ruhe, und endlich die Bergspitze gefunden habe, die über die unendlichen Wogen hinausragte.
Zwischen hohen Häusern, die eng aneinander standen, ging der Weg aufwärts; dann traten die Häuser zurück, ein weiter und freier Blick tat sich auf. Eine Linde hob ihre hohe und volle Krone in den Morgenhimmel hinein, ein Steintor stand weit offen, fast mechanisch ging Gertrud Cabisius hindurch. Dann stand sie im Schloßhof. Ein zuckender Schmerz: den wollte Georg mir heute zeigen. Still. Nichts denken jetzt. Sie ging durch den Hof und fand den Weg ins Freie, und ging weiter, ohne viel nach dem Weg zu sehen, dann kam der Wald.