Frisch und still war es hier oben, weiße Morgenwolken hingen in dem reinen Blau des Himmels, Tau lag auf allen Gräsern, leise rief der Wald, vom leichten Morgenwind bewegt: komm. Aus leichten Nebelschleiern traten die Berge der schwäbischen Alb und traten still in den Reihen und schlossen den weiten Raum, in dem sich ein Menschenkind des Alleinseins, der großen, großen Einsamkeit bewußt war. Rauschte der Neckar aus dem Tale herauf oder fing die Stille an zu tönen?
Gertrud trat in den Wald und ging noch eine kleine Strecke weiter hinein und wußte nicht, was sie hier drinnen wollte. Die Menschen waren ihr fremd geworden, mit einem Male alle. Sie hatte ihr Wesen von jeher so einig und ungeteilt auf ihn zu entwickelt, den sie seit gestern abend nicht mehr verstand. Wo war er hingekommen? Was war er ihr noch? War das das Werde, auf das ihr lebensreifes Ich gewartet hatte?
Weit offen war es gewesen für die hohe, große Gemeinschaft, nun standen die Hallen leer und öde, und ihre Seele fragte in die große Stille hinein: Ist niemand, der zu mir gehört, niemand? Und sie ging noch weiter hinein in die grüne Dämmerung, und schlang die Arme um einen Baumstamm und legte den Kopf an das rissige Holz. Sie war kein so starker Geist, daß sie allein stehen konnte, sie mußte etwas zu umfassen haben. Aber der Stamm schlug ihrem klopfenden Herzen keine Antwort. Da glitt sie an ihm nieder und sank in sich zusammen im Moos und schloß die Augen vor der Außenwelt. Und ihre Seele machte sich zitternd auf und rief mit ängstlicher Stimme in die Einsamkeit hinein, ob nicht einer drinnen sei, mit dem sie reden könne.
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Es war einmal ein kleines Kindlein gewesen, das war ganz allein auf der Welt und wußte noch nichts von sich und nichts von der großen Weite, die rings umher war. Das spielte mit Blütenblättchen und wollte sie alle haschen und als sich einige zu weit von ihm entfernten, da — wir wissen es, machte sich das Kindlein auf den Weg, sie zu holen. Und da, wer kann sagen, was ihm so die Augen auftat? — erschauerte es zum erstenmal vor dem Alleinsein. Es war aber Liebe um den Weg, die trat in die Kluft, und des Kindleins Augen spiegelten sich in anderen Augen und sein junges, erschrockenes Seelchen barg sich darinnen.
Und das Kindlein wuchs heran und lernte erfahren, daß die Welt viel und reiches Leben berge, und gewann eine Liebe zu allem Lebendigen und sah mit hellen und klugen Augen in die Runde und in die Tiefe und in die Höhe, und lernte auf die Pulsschläge des Lebens horchen und hatte Teil an dem allem, was da war, an der Oberfläche und unter der Oberfläche. Auch war ihm gesagt, daß alles Leben aus einer starken, lichthellen, unversieglichen Quelle fließe, die lernte das Kind staunend verehren, und das je mehr, je größer es wurde.
Treue und liebreiche Hände hatten es so nah an diese Quelle geführt, als das ehrfürchtige Menschen nur können, und es war schön, zu wissen, daß wie die Sonne über der Erde eine reine, große Liebe, die aller Weisheit und Kraft voll wäre, über allem Geschaffenen sei. Es war auch schön, selber jung und stark und voll frischer, treibender Kräfte zu sein und in ausbrechender Werdelust die Arme nach der ganzen Welt und nach dem Gott, der sie geschaffen hatte, zu breiten. Und es war schön, zu wissen, daß aus der Flut von gleichgeschaffenen Wesen eins ganz nah und mit Willen zu einem gehörte. Wo blieb da jegliche Furcht? Wo jedes Alleinsein?
Und nun war wieder ein Tag, da gingen dem Kind die Augen auf und es sah, daß es in Wahrheit allein sei, und — wir wissen nicht, ob es ein größerer Schauer war, als das erste Mal, denn wir wissen nicht, was eine kleine Kinderseele überflutet — da streckte es wieder die Hände aus. Bist du? wo bist du? halte mich. Es ist alles so leer, sie haben mich allein gelassen. Laß dich finden.
Der Morgen war in den Vormittag übergegangen, als Gertrud Cabisius wieder in die Stadt herunterkam. „Der alte Herr hat gesagt, Sie möchten sich nur um elf Uhr an der Bahn einfinden,“ sagte das Stubenmädchen. „Er ist ausgegangen, er kommt auch dorthin.“
Sie hatte dem Großvater einen Zettel hinterlassen, daß er sich nicht um sie sorge. Sie wußte, sie durfte seinetwegen ruhig tun, wie sie mußte, er würde sie nicht zuviel fragen.