Da, als sie eben in ihrem Zimmer einiges zusammenpackte und vor dem Augenblick bangte, da Georg zu ihr käme, um ihr alles zu erzählen (denn sie wußte, daß er das tue), da hörte sie seinen Schritt auf dem Gang und dann sein Klopfen. Da war er schon.
„Hast du nicht Herein gerufen? Wo steckst du? Überall habe ich dich gesucht. Gestern abend und heute früh. Ach, Gertrud.“ Er war blaß und erregt. Er trug ein Blatt Papier in der Hand. „Ich habe ein Telegramm von Wiblingen. Mein Vater hat einen Schlaganfall bekommen. Ich muß nach Hause. Ich will mit euch fahren. Ihr fahret doch nachher? Und ich, ich war böse, daß er gestern kam. Wenn ich ihn nun nicht mehr sähe?“ Er hatte ein hilfloses und verstörtes Knabengesicht, und er hatte große Lust, seinen Kopf in Gertruds Schoß zu legen. War das der Georg von gestern Abend? Das war der, den sie kannte. Ach, hatte er sich nur ein bißchen verlaufen und kam nun wieder?
Da aber hob der Schmerz wieder sein Haupt:
„Nein, nein, das ist Ernst. Sein Herz gehört nicht dir, das gehört ihr — Lore gehört es. Weißt du nicht mehr: „Du bist meine Königin, meine ganz allein.“
„Gertrud, so weine doch nicht so. Du, warum weinst du? Wegen meines Vaters? Aber er lebt ja noch.“
Ganz erstaunt sah er sie an. Sie hatte ja nie irgend eine Gemeinschaft mit seinem Vater gehabt. Weinte sie aus Mitleid mit ihm? Er zog ihr die Hände vom Gesicht: „Bleib bei mir; du bist mein Kamerad. Was auch komme, Gertrud. Ich müßte dir so vieles sagen, aber ich bin jetzt so verwirrt.“
Da trocknete sie ihre Tränen und sah ihn mit ihren guten Augen an und zwang ein blasses Lächeln auf ihre Lippen.
„Sei still, red jetzt nichts. Ich bin — ach, du kennst mich ja. Hole dir, was du brauchst.“ Da zitterte ihre Stimme wieder. Und sie wandte sich ab und packte ihr Köfferchen fertig.
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Er hatte nie viel nahen Zusammenhang mit seinem Vater gehabt. Sie waren sich beide so unähnlich als möglich. Georg war mehr seiner Mutter Sohn als seines Vaters.