Seine Mutter war einst als ein Sonntagskind, — obgleich sie das nicht von sich wußte — ins Leben getreten, weich, lieblich und voll wunderbarer Hoffnungen, und hatte ihre hellen Augen unter die Tür ihres Hauses geschickt, um nach allen lichten und frohen und guten Geistern auszuspähen. Die wollte sie zu sich einladen und sie gut bewirten.

Wie sie zu ihrem Mann gekommen war, das war ihr später selbst unfaßlich. Sie war wohl noch nicht ganz wach und reif gewesen, als ihr verständige Leute zugeredet hatten, daß er ganz vorzüglich zu ihr passe; und sie hatte seine stattliche Gestalt und sein lachendes Gesicht für Zeugen von Kraft und Lebensfreude gehalten. Da erfuhr sie bald etwas, das war ihre erste Enttäuschung: sie konnten beide lachen, aber sie lachten nicht über dasselbe und nicht auf die gleiche Weise.

Nachher, als das Unglück kam, da konnten sie auch nicht miteinander weinen.

Sie gingen einander innerlich nichts an.

Der Mann schalt und polterte eine Zeitlang und ging dann seiner Wege; die Frau aber, die immer noch nach dem Lichten, Hellen ausgesehen hatte, — ihre Kinder an der Hand, da der Mann nicht mitgehen wollte — die wurde nun plötzlich von düsteren Riesen niedergeworfen, von Schmerz und Schuld und Verzweiflung, und in ein enges, dunkles Gefängnis geworfen und da ihr Lebenlang behalten. Sie schickte aber, wie wir wissen, aus diesem Gefängnis beständig nach Boten aus, da sie so sehr nach Licht und Liebe hungerte und wurde schließlich von einem unter ihnen nach Hause geführt. Von dieser Frau nun hatte Georg Ehrensperger ein Erbe überkommen, das war schön und schwer zugleich.

Das war die Sehnsucht nach allem Schönen, das im Leben liegt, sowohl in und hinter den Dingen, als außen an ihnen, und der starke Drang, es alles in seinem Leben zu vereinigen.

Es war so ein hungriger Mensch und er träumte, wie jener, viel vom Sattwerden. Er glaubte aber jetzt auf dem Wege dazu zu sein.

Nun saß er in dem lederbezogenen Großvaterstuhl neben seines Vaters Bett und spürte plötzlich, daß auch dieser ihn etwas anging und langte nach der Hand, die schwer auf der Decke lag und hätte gern etwas zu ihm gesagt. Aber unten am Fußende saß der Müller Hensler und sah auf einmal aus, wie ein alter Mann, da er gestern noch ein feuriger Jüngling gewesen war, und schüttelte den Kopf, einmal ums andere; und neben ihm stand Franz und hatte die Augen voll Tränen, denn er war von seines Vaters Art und stand ihm menschlich nahe. Auch war er neben aller Neigung zu kräftigem und sorglosem Lebensgenuß weich von Gemüt und floß leicht über.

Da konnte Georg nichts sagen. Er war eben angekommen und war noch verwirrt und bedrückt von dem raschen Wechsel: Gestern Lebensfülle und ein Klingen aller Saiten — und heute die ernste Schnitterarbeit des Todes. Da, als er so saß und in seinem Innern bewegt war und nach einem Ausdruck dafür suchte, geschah etwas, das ihn gegen seinen Willen komisch berührte, also daß er das Gesicht zwischen Lachen und Weinen verzog, wie wenn einer niesen will und nicht kann: Nämlich der Müller Hensler hob halb unbewußt an, sachte die Daumen umeinander zu drehen, als ob er seinem alten Freund diese seine gewohnte Beschäftigung nun abnehmen und weiter führen müsse. Und dazu sagte er wehmütig vor sich hin: „Ja der Wein, — ja, ja. Sein Lebenlang hat er ihm nichts getan, das kann ich bezeugen. Noch nie. Und nun auf einmal.“

Es war nämlich schon lange eine Streitsache zwischen dem Wiblinger Doktor und dem Bäcker Ehrensperger gewesen. Der Letztere hatte um ein Mittel gebeten, da ihn öfters ein Engsein am Halse und dazu ein Flimmern vor den Augen und ein Sausen in den Ohren befiel.