Ihr hattet nichts, wonach ihr euch sehnen mußtet, ihr seid satt gewesen. Seid ihr das noch? Sagt, seid ihr besser gefahren?

Und auch ihr schweiget, soviel wir auch fragen mögen. Es bleibt uns nichts, als selber unseres Weges zu gehen, dem Drange nach, der in unserer Brust lebt. Wir müssen etwas suchen, das wir nun nicht haben; wir können nicht anders. Wir verfehlen es oft dabei und gehen nicht immer gerade aus und verstehen uns selber nicht immer recht. Aber wir gehen dennoch weiter. Und wenn wir hie und da meinen, uns im Kreise zu drehen und umsonst zu suchen, was unsres Herzens Verlangen ist, so fällt es uns tröstlich ein, daß einer, auf den wir viel halten, und der etwas von Menschenseelen verstand, gerade die Hungrigen und Armen und Verlangenden glücklich, ja selig pries, weil irgendwo eine Fülle für sie sei. Und dann fangen wir von neuem an, zu suchen, und fangen am Kleinen an und werden nicht satt davon und suchen das Größere. Aber es ist etwas in uns, das will das Größte und gibt sich anders nicht zufrieden.

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Der Rektor Cabisius hatte etwas getan, was er selten tat, er hatte ein Machtwort gesprochen. Er hatte so lang als möglich damit gewartet. Wie damals, als seine Enkelin klein war und ihren ersten Schritt wagte, hatte er zugesehen, was da werden wolle. Aber als es Zeit war, streckte er die Hand aus und sagte: „Doch, Georg, du machst nun dennoch das Examen. Ja, ja, ich rede dir nicht drein. Ein gezwungener Pfarrer, ein Mußtheologe, davor behüt’ uns Gott. Das Höchste und Schönste darf man nicht unwillig tun. Wenn Jesus einen seiner Zwölfe hinter sich hergeschleppt hätte, — nein, nein, ich versteh’ dich. Gut versteh’ ich dich. Aber das Examen machst du dennoch. Ich sage dir: Verweht und verloren kämest du dir vor, wie einer, der allerlei angreift und nichts zu Ende führt, wenn du so davongingest. Nun ja, mach’ kein so bedenkliches Gesicht. Du wirst keine Glanznummer davontragen. Es wird nur gerade reichen. Aber das ist ja nicht so wichtig. Du wirst an mich denken, wenn einmal Schwierigkeiten kommen, — die kommen überall, Georg, es wäre nicht gut, wenn sie nicht kämen, — und du dich daran erinnerst, daß du nicht als Hasenfuß in die Weite gelaufen bist, sondern als ein Mann, der wußte, was er wollte.“

Georg Ehrensperger hatte es nicht für so nötig gehalten. Aber wenn der Rektor so sagte. Da ging er richtig hinein und hielt eine Probepredigt, über die einige der Herren staunten: „Der will umsatteln? Der hat keine Freude an der Sache? Ich wollte, sie wären alle so frisch dran hin.“ Aber die so sagten, wußten nicht, daß dem Prüfling die frische Luft der Freiheit zur offenen Kirchentür hereingeblasen hatte, als er seinen Text verlas und daß ihn heimatlich anrührte, was ihn nicht binden und verpflichten wollte. Auch hatten sie ihm einen Text gegeben, der ihm ein Stück Sphärenmusik war und über den er am liebsten auf der Orgel gepredigt hätte: „Eine andere Klarheit hat die Sonne, eine andere Klarheit hat der Mond, eine andere Klarheit haben die Sterne. Und ein Stern übertrifft den andern an Klarheit.“ Das übrige, das ja freilich die Hauptsache war und himmlische und irdische Körper, verklärte und natürliche Leiber miteinander verglich, kam — es muß gestanden sein, — etwas kurz dabei weg. Es war mehr ein Lobpreis nach der Weise des alten Liedes, das er einst von Hollermann gelernt hatte: „Alle die Schönheit Himmels und der Erden ist verfaßt in dir allein,“ und war eine Kandidatenpredigt, wie andere auch. Aber es ging ein warmer Zug von Gottesbegeisterung hindurch, so daß die Herren, auch die, die über einen pantheistischen Anklang darin leise den Kopf schüttelten, nicht anders konnten, als freundlich zu gestehen, daß Georg fähig gewesen wäre, und nicht nur mit knapper Not, verwendet zu werden. In der Kinderlehre ging es nach dem Spruch: „Ich bin gekommen, daß ich ein Feuer anzünde, und was wollte ich lieber, denn es brennete schon?“ Aber die Buben und der Herr Kandidat blieben miteinander an der Beschreibung eines Bismarckfeuers hängen, in das ein jeder von den Studenten seine Fackel warf, und eh’ der Kandidat zu der sehr tiefsinnigen Nutzanwendung kam, ein jeder müsse dazu beitragen, daß das Höhenfeuer durch die Nacht leuchte, war die Zeit um. „Die Herren aber hatten nur gesehen, daß,“ sagte einer, „der Kandidat selber noch ein Kindskopf sei.“ Es wurde ihm aber nicht übel vermerkt. „Denn,“ fuhr der vorgenannte Professor fort, „immerhin wußte er die Kinderköpfe, die vor ihm saßen, anzufassen und das ist mehr als nichts.“

Alles in allem, obgleich die eigentlichen Wissenschaften nicht gut wegkamen und im Schriftlichen hie und da ein schönes, leeres Blatt Georg Ehrenspergers Namen trug, gedieh das Ganze nicht so übel, als sich der Kandidat vorher in schwarzen Stunden ausgedacht hatte. „Und es ist nur schade,“ sagte der Müller Hensler, wenn er darauf zu sprechen kam, „daß er das Forsche erst jetzt angefangen hat, wo er nach den Herren nichts zu fragen hat.“ Er wußte ja freilich nicht, daß das, was er Forschheit nannte, nur aus dem neuen, frischen Gefühl der Freiheit herkam.

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Der Wind trug halbverwehte Töne auf seinen Flügeln daher. — — „behüt dich Gott, Philisterhaus.“ — „Horch,“ sagte Georg, „sie singen einen hinaus. Heut abend kommt’s an mich. Ich weiß nicht, soll ich lachen oder weinen, nun ich Tübingen Lebewohl sage. Ich bin den ganzen Morgen durch die Straßen gewandert und bin auf dem Schloß gewesen und habe alles mit den Augen gestreichelt.

Es ist so eine Sache. Die andern, die bisher mit mir gegangen sind, die fangen nun an, zu amten. Ich aber — manchmal kommt es über mich, Lore: Nun habe ich so viel schöne Zeit verstudiert, und“ —

„Verstudiert?“ Lore lachte. „Das geht an. Es ist nicht so übermäßig gewesen, gelt? Du, was hast du nur immer getan?“ Sie saßen in dem schmalen Mauergärtchen, an dem der Neckar vorüberfloß. Astern und Dahlien blühten darin und rotviolette Malven; Herbstfäden waren von einem Stengel zum andern aufgespannt und hie und da glänzte ein lichter Tropfen an dem zarten Gespinste, wie eine Träne. In den Kronen der Platanen drüben in der Allee wühlte der Wind. Er spielte auch mit dem Haar des schönen Mädchens und legte eine der rötlichen Locken auf die Stirne herein. Georg griff darnach und zog sie spielend über die Finger.