Und die Freude zieht weiter. In dieser Sprache kann sie nicht mitreden. Sie stammt aus einem ganz anderen Lande und bringt nichts, als sich selbst. Aber es geht ihr nicht bei allen so. Manche nehmen sie auf, denen teilt sie das Geheimnis des Frohseins in sich selbst, denen zeigt sie das Leben, das nicht von Zufälligkeiten abhängt.

Kennt ihr Menschen, bei denen die Freude eingekehrt ist? Die durch das dürre Land gehen und machen sich daselbst Brunnen? Wenn ihr sie kennet, so geht zu ihnen hin, denn es ist gut bei ihnen zu sein. Sie haben die Bitterkeit und das Alleinsein und den Neid und was der dunklen Geister mehr sind, nicht über sich herrschen lassen. Sie haben selbst geblutet und verstehen die andern. Sie haben neue Quellen des Lebens entdeckt und bieten die Schale mit dem frischen Trunk den andern: Nun trinket auch ihr. Seht ihr’s? Man bleibt nicht liegen. Das Leben ist an sich ein Frohgeschenk, auf, laßt uns hindurchschreiten, denn es wird lichter, nicht dunkler.

Ja, solches haben die Menschen, bei denen die Freude eingekehrt ist. Solches lehrt sie die Himmelsbotin in langen, dunklen Tagen und Nächten und führt sie an der Hand ins weite, große Leben hinein.

Kennt ihr sie? Laßt euch nicht davon abschrecken, daß ihre Züge oft eine Schrift tragen von viel überstandenen Schmerzen, und daß manche von ihnen nicht viel Leichtes, Lustiges zu sagen wissen. Wenn es euch schwer dünkt, zu leben, dann geht zu ihnen. Dann seht ihr in leuchtende Augen, und fühlet linde Hände und höret liebreichen Trost von einer Stimme, die ist wie einer Mutter Stimme.

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Es war eine Zeit, da glaubte Gertrud Cabisius nicht mehr an die Freude. Sie hatte sich weit aufgetan und hatte sie empfangen wollen, da war das Leid gekommen. Nun wußte sie nicht, was das Leben von ihr wollte. Sie war so ganz ungeteilt nach einer Richtung hin gegangen. Nun sollte sie umwenden und wußte nicht, wohin? Es war leer, wohin sie blickte. Es stand in den Büchern, die sie aufschlug, es tönte aus den Liedern, die die Jugend sang, es stand auf Weg und Steg geschrieben, — daß es anders sei, als vordem. Ja, anders, aber wie sollte das werden?

Es war aber ein guter, tüchtiger Kern in ihr. Der bewahrte sie vor allzu großer Selbstbejammerung. Da biß sie die Zähne übereinander und versuchte, ihre Arbeit zu tun, wie sonst. Es traf sich, daß das junge Dienstmädchen krank wurde und oben in der Kammer lag, und es traf sich, daß der Rektor Cabisius ein Starleiden bekam und nicht mehr selber lesen konnte. Lauter Trost, lauter Tagesaufgaben, nicht für die Zukunft, nichts Großes, Weites, nur für die Stunde, für jetzt. Und Gertrud kniete auf den Steinfliesen des Küchenbodens, und fegte ihn sauber, und kochte Krankensuppen für das Mädchen, das ungeduldig und stöhnend in seiner Kammer lag und sich selbst bejammerte und sich nach heimatlichem Kraut und Speck sehnte. Und sie band die Küchenschürze ab und kam zu dem alten Herrn ins Zimmer: „Soll ich dir vorlesen, Großvater?“

Da las sie ihm viel und lange vor, und er wählte große, ausweitende Stoffe, die aus alter Zeit zu uns herüberreden von Glück und Not und Kampf der Menschen.

Aber er schüttelte leise den Kopf: „Noch ist ihr Wesen nicht dabei,“ wenn des blinden Ödipus dunkles und schweres Schicksal und Antigones Kindesliebe und ihre stille, gelassene Todbereitschaft keinen hellen, hohen Klang in die Mädchenstimme brachten, wenn alle die starken, großzügigen Gestalten wie Schatten durch das Zimmer glitten.

Er ermahnte sie nicht, er war ganz unberedt dem still getragenen Kummer seines Kindes gegenüber; er wartete nur. Wie man auf den Frühling wartet und weiß: er muß doch kommen, so wartete er darauf, daß in den tiefernsten Augen und auf den blassen, verstummten Lippen ein neues Leben erscheine.