„Du wirst sie zur Freude führen, ich kann es nicht,“ sagte er, und wußte, wen er damit meinte.

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Gertrud war lange nicht mehr zu ihrer lahmen Freundin gekommen. Was konnte sie jetzt in das leere, stille Leben hineintragen, sie, die selbst nichts hatte?

Auch regte sich in ihr die Angst vor dem Gleichartigen in ihrem Schicksal. Sollte sie in Zukunft ebensowenig zu erwarten haben, als Veronika? Es war ihr, als müsse sich in dem stillen Mädchen ein kleines Triumphgefühl regen: Siehst du, dir ergeht es nicht viel anders als mir.

Aber eines Abends, als es dämmern wollte und alles so grau und leer aussah, und das Mädchen wieder in der Küche hantierte und der Großvater einen Besuch bei sich drinnen hatte, da, als Gertrud sich hin und her besonnen hatte: Will ich, will ich nicht? Da schlug sie dennoch wieder den Weg nach der Heinersgasse ein und nach der niedrigen Stube, in der Veronika am Fenster saß, seit sie sich denken konnte.

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Befand man sich hier auch „im Zeitstrom, der vorüberrauscht“? Oder war der einfache, schier ärmliche Raum, der Veronikas ganze Jugend gesehen hatte, ausgenommen von dem Wellenschlag des Lebens, ein trockenes Bachbett ohne rinnende Wasser? Es war ein und jeden Tag dasselbe: Ein mühsames Aufstehen und Sichschleppen bis zu dem Fensterplatz, ein mühsames Regen der Hände und ein mangelhaftes Gelingen der Flickarbeit, die sie förderten. Anderes bekam Veronika nicht leicht zu tun. Ihre Mutter hatte Kundenhäuser zum Waschen und Putzen, da brachte sie die zerrissenen Röcke und Hemden der Dienstmädchen oder die Schürzen und Blusen der Knechte zum Flicken mit heim.

Die gaben das Tagewerk des stillen, feinen Mädchens. Jetzt ruhten ihre Hände. Es war halb dunkel in der Stube, nur das weiße Gesicht mit den dunkeln Augen hob sich, da es dicht neben dem Fenster am Holzrahmen lehnte, lebendig heraus. Da kam Gertrud herein, nicht so rasch und lebhaft, wie sonst, schon ein Erlebnis, eine Mitteilung auf den Lippen, sondern ein wenig zögernd und still, und setzte sich auf einen Stuhl und fing nach einer Weile ein gleichgültiges Gespräch an. Aber sie verstummte wieder bald, und holte sich einen kleinen Holzschemel, und ließ sich darauf nieder, und barg ihr Gesicht in Veronikas Schoß.

Die legte ihre Hände still auf das volle, dunkle Haar und strich sachte darüber, und nach einer Weile hob Gertrud den Kopf ein wenig und sagte leise: „frag mich nicht. Ich sag dir’s, wenn ich kann. Nicht jetzt.“

Nein, Veronika fragte nicht.