Aber sie wußte, daß nun die Stunde für sie gekommen sei, nach der ihr wacher Geist oft gefragt hatte, wann die Tage kamen und gingen, eine unabsehbare, stille Schaar, die sich an den Händen faßte und einander so gleichsah, so verzweifelt gleich: Wozu bin ich? Bin ich nur für mich? Ist niemand, der meiner bedarf? Sie wollte ihren Teil an den andern und nicht nur empfangend, nehmend und gebend begehrte ihr reiches Wesen in die Reihen der Lebendigen zu treten.

Ihrer Mutter, das wußte sie, war sie eine Last. Eine geduldig getragene, aber dennoch eine Last; sie konnte dem müdgeschafften Weib, wenn es spät abends heimkam, so wenig mehr sein. Es brauchte nur Ruhe und seinen kargen Schlaf, war es nicht ein rechtschaffenes Kreuz, nun auch noch die Tochter versorgen zu müssen? Was aber das Mädchen zu geben hatte in seiner stillen, feinen Art, dafür war sie wohl zu stumpf geworden in den harten Arbeitsjahren.

Einmal hatte Veronika Worte für das gefunden, was ihr Leid und ihre schwere Fülle war. Es hatte sich ihr zu einem Lied gestaltet und als sie es mit den ungefügen Fingern mühsam niederschrieb, fühlte sie sich einigermaßen erleichtert. Hier ist es:

„Quillt im Wald ein tiefverborgner Bronnen
Rieselnd kommen seine klaren, hellen,
Aus dem Felsgestein entsprungnen Wellen
Zwischen Moos und Farren hingeronnen.

Keiner weiß es, und die Wasser quillen
Immer fort aus nie erschöpften Gründen.
Wüßt ein Durstiger den Quell zu finden,
Ein unendlich Dürsten könnt er stillen.

Rauscht der Wind wohl in den hohen Buchen,
Landwärts trägt er eine leise Klage:
Und so rinn und rinn ich alle Tage;
Will denn keiner meine Fluten suchen?

So ein Born aus ungeseh’nen Meeren
Füllt mein Wesen, füllt es bis zum Rande,
Und ich trag’ sein Wallen durch die Lande.
Leise fragt’s: wem soll die Flut gehören?“

Das Lied hatte sie damals nach langem Zögern und Besinnen Gertrud gezeigt, aber die hatte keine rechte Antwort darauf gehabt. Sie wußte, wem ihre Flut gehöre. Nun war es anders. Bei beiden war es anders, als damals.

„Sag, Veronika, wie erträgst du dies Leben hier? Brennt es nicht in dir, daß du aufspringen möchtest, und irgendwo eintreten, in irgend eine Lücke, die sonst niemand — ach, Veronika.“

Wie sie es ertrug? Fingen nicht die Wände an zu reden von der großen Sehnsucht, die sich in dem kleinen Raume barg, und von dem Leben, das ganz still und unaufhaltsam hier erwuchs, einer Kellerpflanze gleich, die sich nach dem Lichte streckt?