Es war vollends dunkel geworden. Aber draußen stapfte der Laternenanzünder über das holperige Pflaster. Sein Lichtlein glomm an den Fenstern vorbei, nun ein leises Klirren an der Laterne schräg gegenüber, dann fiel ein heller Lichtstreifen hier herein auf ein angstvoll fragendes Gesicht, das sich wartend emporhob, und auf ein anderes, das vom Widerschein einer inneren Freude erhellt war.

„Doch,“ sagte Veronika, „es brennt manchmal. Aber nun nicht mehr so wie früher.“

Sie schwieg eine lange Weile. Dann sagte sie leise: „Ich möchte es dir recht sagen können, Gertrud. Es ist das erste Mal, daß ich davon rede. Ich sage es dir auch nur, weil — weil“ — sie suchte nach einem Wort.

„Weil ich dich brauche,“ sagte Gertrud.

Ein warmer Schein glitt über des lahmen Mädchens Gesicht.

Das war das Wort, das hatte sie so gern einmal aus eines Menschen Mund hören wollen. Nun kam es, und daher, von wo sie es nie erwartet hätte. Ging es so wunderbar zu im Leben? Sollte sie etwas für Gertrud haben? O wie gern wollte sie es ihr geben.

„Siehst du, du kamst seltener und seltener und nun so lang nicht mehr. Und ich saß hier und nähte und war so allein. So würde es wohl das ganze Leben hindurch fortgehen, dachte ich; es war mir kein Trost, daß der Doktor sagte, ich könne gut alt werden. Draußen gingen die Menschen vorbei, ich sah sie vom Fenster aus und dachte mich in ihre Schicksale hinein. Wie sie arbeiteten und sich regten und einander brauchten. Ja, da brannte es freilich. Wenn ich doch stürbe, dachte ich. Denn ich lebe ja doch nicht. Sie alle leben, nur ich nicht. Und ich flüchtete mich in die Bücher und suchte mich zu vergessen. Aber überall stand da vom Leben und von Taten und bewegten Schicksalen der Menschen. Und immer schwerer fiel es auf mich hinein, daß ich vergessen sei, nutzlos und allein. Wenn es doch nur ein Ende hätte.

Da trugen sie eines Tags den alten Höpfner hier vorbei, weißt du? Den Kleiderhändler in dem grünen Haus, hinten am Burgeck. Er hatte Kinder und Enkel, und war reich, man sagt, die halbe Stadt sei ihm Geld schuldig. Er war sein Leben lang gesund und frisch. Aber seit einiger Zeit war er schwermütig, kein Mensch wußte, warum. „Es lohnt sich wahrhaftig nicht der Mühe, alt zu werden,“ soll er öfters gesagt haben. Ja, und da machte er ein Ende, du weißt es. Aber als sie ihn auf der Bahre vorbeitrugen, wassertriefend, schlaff und mit gebrochenen Augen, da fuhr es mir wie ein heißer Schreck ins Herz: das Leben ist an sich etwas Großes, Heiliges. Man darf es nicht gering achten und nicht wegwerfen wie etwas Wertloses. Man muß suchen, dahinter zu kommen. Es muß etwas daran sein. Den ganzen Tag ging es durch mich durch: lieber Gott, zeig mir das Leben, das ich leben soll. Laß mich nicht so am Rand des Todes hingehen, lebendig tot.

Ich konnte nichts arbeiten, ich war so schwach und so erregt. Da legte ich mich ins Bett und schloß die Augen und rings um mich war es dunkel, und als es Nacht wurde, da gingen die wachen Gedanken in einen Traum über.

Da stand ich auf einem hohen Berg und wußte, ohne zu sehen, daß rings um mich Menschen waren. Aber ich war dennoch so furchtbar allein unter ihnen, denn sie gehörten nicht zu mir, nicht einer. Und es war graue Dämmerung und ringsum eine weite, weite Öde und ich stand und sah da hinein.