Da wurde ich gewahr, daß dicht vor mir ein Abgrund aufgähnte, tief und schrecklich. Von drüben aber, über dem Abgrund, rief es mich, laut und lauter: komm. Und ich wußte, hier waren die Menschen, drüben aber die große Einsamkeit, und in die Einsamkeit hinein rief mich einer, der mit mir reden wollte. Es war grausig. Es trennte mich von allen Menschen, nach denen ich mich doch sehnte. Und der Spalt klaffte, und es wehte kühl da herüber, und ich war so klein, aber das unbekannte Etwas, das mich rief, das wurde immer riesiger, immer mächtiger und zog mich, und es war Sehnsucht und Furcht zugleich in mir. Da schloß ich die Augen und wagte den Sprung.“
Sie schwieg. „Und dann?“ fragte Gertrud.
„Und dann? — es ist so schwer zu sagen. Ich weiß nicht, was zu mir geredet wurde, vielleicht nichts. Vielleicht empfing ich es ohne Worte, das, was mich erfüllte, als ich wach wurde, mitten in der Nacht, das starke, hohe Gefühl davon, daß ich mit Gott allein gewesen sei, und daß das so bleiben müsse, innen, ganz innen in mir. Daß das Leben an sich ein hohes, frohes Gut sei, ein unantastbares. Es hängt von nichts Äußerem ab, es ist ganz für sich. Es ist das Allergrößte. Aber es ist schwer zu sagen.“
Sie sah ein wenig verlegen aus, weil sie das nun erzählt hatte, aber Gertrud hob den Kopf: „Weiter.“
„Ja, weiter? Siehst du, seither hat Manches angefangen, anders zu werden. Es verlangt mich immer noch nach den Menschen, ich möchte zu ihnen gehören. Das liegt wohl so in uns, das müssen wir verlangen. Als du vorhin sagtest: „Ich brauche dich,“ da war ich froh; es war mir, als habe ich seit Jahren darauf gewartet, daß das ein Mensch sage. Wir dürfen die Kammern unseres Herzens nicht leer stehen lassen, es ist nicht gut für uns. Auch hängen wir mit den andern zusammen und sie mit uns. Aber weißt du, ganz innen, da — ach, du weißt es selbst, da muß man etwas allereigenstes haben, das von nichts anderem abhängt. Es ist wie im Märchen vom Marienkind. Weißt du noch? Du hast es mir erzählt. Es durfte alle Himmelstüren aufmachen, nur die zwölfte nicht, dort saß die heilige Dreifaltigkeit in goldenem Glanz. — Die zwölfte Kammer, die müssen wir für uns behalten, da darf kein Mensch hinein, nicht in Lieb und nicht in Leid. Sie mögen sich in die elf andern teilen. Du, Gertrud, ich glaube, man muß allein gewesen sein, eh’ man recht mit den andern gehen kann.“
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Durch die nächtlichen Gassen ging Gertrud Cabisius.
Aus allen Fenstern blinkten Lichter. Dort drinnen saßen die Menschen nun beisammen. Mütter besorgten ihre Kleinen und brachten sie zur Ruhe, Väter verließen das Tagewerk ihrer Hände und traten in den Kreis der ihrigen. Waren keine Einsamen unter ihnen? Hingen sie alle mit einander zusammen? Am Himmel hing zerrissenes Gewölk; da und dort leuchtete ein Stern auf, ja, wenn man näher hinsah, waren ihrer viele, mehr, als man anfangs dachte. Gertrud ging langsam. Aber es war nicht das mutlose Schlendern, das sagte: es hat ja doch alles keinen Zweck. Es war, als ob die Gedanken leise bäten: verscheuch’ uns nicht, geh sachte, wir müssen uns erst besinnen.
So war das? „In die zwölfte Kammer darf kein Mensch eingehen, sei es in Liebe oder Leid. Sie müssen sich mit den elf anderen begnügen.“
Ach, still, ihr Gedanken. Hatte sie Georg Ehrensperger denn das ganze Haus übergeben gehabt? Hatte sie ihn auch in die zwölfte Kammer geführt und gar kein eigenes, ganz eigenes Leben mehr für sich behalten?