Da lag ihre Not. Sie konnte ihm nun nicht weniger geben, als vordem, und nichts anderes, als ihr Ich. Sie besaß sich selbst nicht mehr. Er beklagte sich darüber, daß sie anders geworden sei; er verstand sie nicht. Gott Lob daß er sie nicht verstand. Aber wie waren sie nun einander fern und fremd. Gott wußte es.
Wußte er es?
Sie tat einen tiefen, tiefen Atemzug. Die zwölfte Kammer. Sie mußte sie wieder für sich bekommen, sie mußte ja leben, sie wollte es auch. Noch war es ja Zeit. Noch lag das Leben vor ihr, das durfte sie nicht versäumen; auch nicht vertrauern.
Sie richtete sich hoch auf. Hatte nicht auch sie jene Stimme vernommen, die in der großen Einsamkeit redet? Hatte sie bisher gezögert, den großen Sprung zu wagen, über den klaffenden Riß hinüber? Ja, aber nun wollte sie nicht länger zögern. Sie wollte versuchen, ernst und ehrlich, ob es weh tat oder nicht, das Leben zu leben, das vor ihr lag. Sie wollte in sich hineinhorchen, und tun, was ihr da gesagt wurde.
O Georg. Sie mußte ihn ja dennoch lieb haben. Ja, das durfte sie auch. Das konnte sie ja nicht anders.
Gott wußte es.
„Großvater, ich habe dich lange allein gelassen. Sei nur nicht böse. Ach, du und böse! Viel zu gut bist du für mich. Ganz im Dunkeln sitzest du? Hat dir Marie kein Licht gebracht? Nun bleib’ ich den Abend vollends bei dir.“
Er hörte wohl den frischeren Ton in ihrer Stimme.
„Es ist gut, daß du da bist. Ich brauchte kein Licht, du weißt, ich kann doch nicht lesen. Auch bin ich nicht allein, wenn ich so im Dunkeln sitze. Da kommen sie alle zu mir und reden von alten Tagen; Anne, — ich meine deine Großmutter, und die andern alle. Aber nun freue ich mich, daß du da bist, Kind. Komm da her, so — es ist ein Trost, dich da zu haben.“
War es das? Es tat wohl, so etwas zu hören.