Es waren ja so herzlich einfache Briefe. Sie fragten nach seinem Leben und Schaffen, zart und ohne zu drängen. Dann erzählten sie vom Rektor Cabisius, daß er nun fast blind geworden sei, aber aus seiner reichen, inneren Welt heraus so viel sonniges, liebreiches Leben spende, und dann einiges von Gertrud selbst. Das heißt von dem, was sie arbeitete und las und ein weniges von dem, was sie drüber dachte und von dem sie meinte, daß es ihn beschäftigen könne. Und immer etwas, das ihm Mut machen sollte.

Aber wenn er die Briefe zum zweitenmal las, dann war es ihm, als ob jeder Satz etwas verhalte, etwas Unausgesprochenes. Als ob die rechte Hand geschrieben und die linke vorsichtig eine wunde Stelle beschützt hätte, die keine Berührung vertrage. Da senkte sich eine schwere, bittere Traurigkeit auf ihn. Er hörte die Betglocke auf dem Wiblinger Kirchenturm und sah die Lichter hinter den Scheiben brennen und wußte, daß er nach Hause mußte und konnte doch nicht.

Bitterlich kam da das Heimweh über ihn.

Viertes Kapitel

Als das zweite Jahr in München um war, bekam Georg die Nachricht, daß seine Schwägerin gestorben sei.

Da kaufte er sich einen schwarzen Filzhut, ein Florband um den Ärmel und eine Fahrkarte nach Hause.

Er war ihm um Franz. Der hatte ja doch niemand als ihn. Er empfand auf einmal mit Macht den starken natürlichen Zusammenhang mit ihm.

Aber als er ins Haus trat und in die Ladenstube, fand er da schon einige Leidtragende: den Müller Hensler und zwei schwarzgekleidete Frauen — Lore und ihre Mutter. „Lore, du?“ Sie ließ das Kuchenmesser, mit dem sie eben hantiert hatte, fallen und drehte sich rasch um. „Du — o — Georg — wir hatten dich erst heut abend erwartet — o —“ Da umschlossen sie schon seine Arme. „Still.“ War sie noch schöner geworden? In dem schwarzen Kleid sah sie so groß und schlank und vornehm aus. Da kam Frau Maute heran. Sie hatte eine breite Schürze aus Trauerkattun an und etwas aus schwarzem Krepp gemachtes auf dem Kopf und ihr Gesicht drückte eine Mischung von feierlichen, traurigen und angenehmen Gefühlen aus.

Sie war mit einem Plan hierhergekommen, den sie gleich nach der Beerdigung dem jungen Witwer zu offenbaren gedachte. Vorderhand zeigte sie durch die Tat ihre verwandtschaftliche Gesinnung für Franz, indem sie geschäftig hin und her ging, dem Müller Hensler einschenkte, die Blumenspenden der Wiblinger in Empfang nahm, hie und da eine Nachbarin in die Totenkammer führte, in der die junge Frau lag, die einst so rührig hier herumgewirtschaftet hatte, und indem sie hie und da ein Federchen oder Härchen sorgfältig von Franzens schwarzem Rock entfernte, das etwa daran hängen geblieben war.

Alle diese Taten vollbrachte sie unter vielen und mütterlichen Reden, die sie in etwas kläglichem Ton hervorbrachte, denn sie hielt denselben für am Platz und passend bei dieser Gelegenheit. Auch hatte sie für Zwei gerührt und bewegt zu sein, da Lore sich ganz natürlich und anmutig betrug als ein Wesen, das durch sein bloßes schönes und erfreuliches Dasein genug zum Trost der betrübten Menschheit beiträgt.