Er sah sie alle der Reihe nach an. Sie machten verdutzte Gesichter.

„Ja,“ sagte Frau Maute, „davon ist ja aber nicht die Rede und das verstehen wir auch nicht so. Es ist nur die Frage, worauf es schließlich hinausläuft. — Doch, Lore, das muß ich als Mutter doch fragen.“

Und Franz und Müller Hensler nickten bedächtig dazu und nahmen breite Schlücke von dem roten Wein, der in den Gläsern stand; denn mit dem Kaffee waren sie nun fertig.

„Ich kann es euch nicht sagen,“ dachte er trostlos. „Ihr versteht mich doch nicht. Ihr fraget nur: was bringt es ein?“ Dann raffte er sich auf.

„Laßt mir noch ein wenig Zeit,“ sagte er. „Wenn ich das Werk fertig habe — es brennt mich und ich muß es schaffen, dann freut ihr euch mit mir. Dann wird sich das Weitere auch zeigen. Dann ist mir auch um eine Stellung nicht bange. Ich will es ihnen schon in die Ohren bringen, sie müssen es hören. Glaub’ daran, Lore, du hast es doch immer getan.“ Sein Gesicht sah so warm und bittend in das ihrige, es wurde ihr so frühlingshaft zu Mute, als ob sie vor einem Baum stände, der war voller Knospen, und der Baum gehörte ihr, und wenn er in Blüte stände, dann sollte sie Hochzeit machen. Aber als sie aufstand und ihm liebe, vertrauende Worte sagen wollte, sah sie zufällig in den Spiegel und sah, daß ihre Mutter, die hinter ihr stand, ihr zuwinkte: „Sei nicht zu nachgiebig; du mußt ihm den Ernst zeigen. Du weißt, er ist ein verträumter Idealist.“ Und sie trat zwar zu ihm und legte den Arm um seinen Nacken und sah ihn an; aber es war nicht das gläubige Leuchten, nach dem er sich sehnte, in ihren Augen, sondern eine drängende Glut: „liebster Mensch, man ist nur einmal jung. Siehst du mich? Da hast du mich. Komm bald. Du hast es mir versprochen.“ Und in ihm schrie etwas auf, das hatte er lange und oft in sich verstummen heißen: „an einem wirst du schuldig. An Lore oder an deiner Kunst. Es ist anders, als du gemeint hast. Schuldig wirst du, so oder so. Du wirst wohl ein Brot suchen müssen; du bist dazu verpflichtet, bald. Aber das war es nicht, nach dem du ausgingest.“

Er wußte nicht, wo er hinsehen sollte, um seine Not zu verbergen und verbarg sein Gesicht in ihrer Hand und sagte nach einer Weile, daß er jetzt gehen wolle, um den Rektor zu besuchen. „Und Gertrud,“ dachte er im stillen, und auch da war ein Druck, wie von Schuld oder Furcht oder Sehnsucht. Er hatte sie jetzt zwei Jahre lang nicht gesehen und wußte nicht, wie er ihr gegenübertreten sollte, ihr, der er am liebsten alles ausgeleert hätte, was in ihm umging von Glück und Not.

Aber als er, um dem Denken ein Ende zu machen, an der Glocke des Rektorhauses zog, da guckte ein junges Dienstmädchen heraus und sagte, daß der Herr Rektor und das Fräulein verreist seien für etliche Tage, und daß der Herr Rektor sich einer Augenoperation unterziehe.

Also brauchte er sich nun nicht mehr zu besinnen: will ich? will ich nicht? sondern konnte gleich umkehren, denn da war nichts für ihn zu holen. Er brachte es aber nicht über sich, fortzugehen, sondern klinkte die Gartentür auf und schritt zwischen den buchseingefaßten Beeten durch den Gemüsegarten, kam bis unter die Obstbäume, die dies Jahr nicht viel trugen und setzte sich in schweren Gedanken unter den Süßapfelbaum. Wo waren die Bubenträume, die er hier gesponnen hatte? Und wo war Gertrud, der er sie erzählt hatte?

Hier waren sie zu dreien gesessen, damals, eh’ Lore nach Tübingen ging. Ein Schwarzköpfchen sang in der Hecke am Stadtgraben sein Abendlied; die Zweige des Baumes rauschten leise in einem weichen Wind, und er saß und die Augen fielen ihm zu. Er war in der Nacht gereist und der Tag war unruhig gewesen. Aber plötzlich sah er staunend auf. Unter den Bäumen kam ein alter Mann daher, gebückt, grau — nein, das war nicht möglich — doch — es war der alte Hollermann. Ganz so wie einst sah er aus, nur daß das Hinfällige, Schlaffe, Runzelige wie übersonnt oder durchschienen war von etwas Festem, Frohem, Starkem.

Nun blieb er stehen, stützte sich auf seinen Stock und sah auf den Dasitzenden.