„Still.“ Georg horchte atemlos. Das klang alles in seinem Herzen, aber draußen in der Welt klang es mit.

„Einiges fehlt noch,“ sagte Hollermann und lächelte.

„Das mußt du noch suchen. Und einiges, das weißt du, findest du erst in dem andern Land. Aber laß dich nicht irre machen, es ist doch da und ist wirklich. Davon sollst du singen: Was sichtbar ist, das ist zeitlich, was aber unsichtbar ist, das ist ewig —.“

Jetzt war es auf einmal nicht mehr Hollermann, sondern Frau Judith, und dann war es Meister Nössel, und dann Georgs Mutter, wie sie aussah an dem Tag, dem einen, da es Licht bei ihr geworden war. Und dann kam die Rektorin Cabisius daran, und weit weg tauchte der Rektor auf, und Gertrud noch weiter, wie ein Schatten, aber alle waren sie da und er hörte Hollermann sagen: „Sind wir nicht viele? Sind wir nicht eine feine, stille Gemeinde? Nun wollen wir ihm das Lied singen. Leise, — man muß hören, daß alles mitsingt.“

Da entstand ein wogender, schwebender Gesang, ein feines und doch starkes Klingen. Die Sterne standen am Himmel und ließen silberne Töne niederfallen, die Bäume regten singend ihre Äste und jedes Blättlein schwang leise mit, der Wind trug auf seinen Flügeln von ferne her starke Harmonieen, irgendwo rauschte es, da war doch aber kein Fluß? Ach nein, Gertrud sagte: „Im Zeitstrom, der vorüberrauscht.“ Und aus den wenigen Menschen im Garten waren viele, unzählige geworden, wie Schatten glitten alte Bekannte und fremde Gesichter an ihm vorbei, und sie sangen alle:

„Alle die Schönheit Himmels und der Erden
Ist verfaßt in dir allein,“

und alles ringsumher sang mit. Das Lied hatte Georg schon früher einmal gehört, er wußte nur nicht mehr, wo. Ihm brannte das Herz und er versuchte mitzusingen, aber da wurde alles undeutlich und zerfloß, und er saß mit offenen Augen und klopfenden Pulsen unter dem Süßapfelbaum. Es war ein Klingen und Schwirren in ihm, das zog mit den Strömen seines wallenden Blutes auf und ab; es rauschte leise wie von weichen Gewändern, es war ein Schimmern zwischen dem Gesträuch hindurch, wie von weißen Fittichen, da rieb er sich die Augen und stand auf und war allein.

Der Mond ging heute früh auf, er kam schon am Horizont herauf und warf einen milden, silbernen Schein da herein. Drüben über dem Stadtgraben war die Seilerbahn, die aufgespannten Seile schimmerten weiß in dem bleichen Licht, irgendwo sang eine Männerstimme — ein Volkslied — „und so will ich wacker streiten, und soll ich den Tod erleiden“ — mehr war nicht zu hören.

Und Georg Ehrensperger, der mutlos und schweren Herzens hierher gekommen war, reckte sich, daß er aufrecht und hoch den Gartensteig wieder zurückging und in seiner Seele gingen hohe Wellen. „Ich kann noch nicht gleich heimgehen, ich will noch in den Wald hinauf. Die Nacht möchte ich durchwandern, ganz allein. Still, daß kein Ton vergeht. Wie ein Segen ist es auf mich herabgekommen.“ Und er beugte den Kopf, wie um es besser tragen zu können, was ihn wie ein schwerer Reichtum füllte, und trug den Hut in der Hand. Vor den Fenstern des Rektorhauses blieb er stehen und grüßte die Abwesenden. „Ihr gehöret dennoch zu mir. Ich gehöre dennoch zu euch.“ Dann schritt er durch die Gassen. Es war niemand mehr draußen. Das war ihm recht. Die Brunnen plätscherten, hinter den Scheiben entzündeten sich die Lichter, er ließ das Städtlein mit seinen Heimwesen hinter sich und ging die kleine Anhöhe hinauf, den Dinkelsbühl, und kam in den jungen Eichenwald, der dort droben steht.

Als einem, der lang in der Fremde gewesen und dann heimgekommen ist, war es ihm.