Sie war viel hin- und hergezogen worden, so lang er fern war. Etwas, das Beste in ihr, das strebte nach ihm, das kam zur Entfaltung in der Gemeinschaft mit ihm, in seiner Liebe, und in dem Willen, mit ihm in seiner Welt zu leben.
Aber da war so viel anderes daneben. In ihr selbst und in ihrer Umgebung. Nun saß sie neben ihm, auf der Kiste, die er sich einst zu einem Sofa geträumt hatte. Das alte bunte Umschlagtuch seiner Mutter lag noch darüber ausgebreitet von lang her. Sie sah zu ihm auf mit erstaunten Augen. Was hatte er nur? Da war nichts zu kritteln und zu tadeln, er stand sicher und hoch in einer reinen, schönen Welt.
Und ohne den Druck und die Unsicherheit des Nachmittags fing er an, ihr von seinem Werk zu erzählen, das ihm jetzt wie ein Ganzes vor der Seele stand, ja, das ihm innerlich fertig zu sein schien, so gewaltig tönte es.
„Könnt’ ich dich nur dazu hineinhorchen lassen, Lore. Das wär das Beste. Denn mit Worten ist es schwer zu sagen. Aber dennoch. Also du weißt: Da geht einer aus und will das schönste Lied suchen. Ein Geiger. Er hat es im Traum gehört, jetzt läßt es ihn nicht mehr los, er muß es wieder haben. Zuerst hört man den Traum, das fängt ganz fein an mit Streichinstrumenten die tragen eine Melodie wie auf Fittichen. Dann will es eine einzelne Geige nachbilden, das ist immer er; aber es tönt ihm anders, nicht so, wie er es gehört hat. Dann geht er auf die Wanderung und sucht immer. Da kommen Vogelstimmen, Wasserwellen, Winde, Gewitterstürme. Überall ist ein bißchen davon drin, aber nur da ein Ton und dort einer. Und immer wieder die Geige, die ihn festhalten will, und immer wieder bricht sie ab und verstummt, weil da so viel anderes hereinklingt. Und er merkt, daß er in der Natur allein das Lied, das ganze nicht findet, und er geht unter die Menschen und will das ganze, reiche Leben kennen lernen. Da muß es doch irgendwo tönen. Da — da müßten eigentlich Chöre hinein, ich weiß noch nicht, — sind spielende Kinder, und singen junge Burschen und Mädchen, weißt du, Lore, nach Hinkelsbach zu am Sonntag nachmittag, und er spielt ihnen zum Tanz auf, und erschrickt, denn er hat auf einmal die Melodie vergessen, die immer auf dem Grund seiner Seele war. Und zieht weiter und im Alleinsein fängt sie wieder an zu tönen.
Er kommt durch Städte und Dörfer und findet allen Reichtum und alle Armut und lernt Liebe kennen und alles Verlangen und alle Not und auch die Schuld und auch die Sehnsucht. Das alles tönt in den Menschenherzen, das hört man immer von den Instrumenten, und es klopft auch in dem seinigen, das ist immer die einsame Geige. Und überall ist etwas darin von dem schönsten Lied, aber es ist nie das ganze. Er kommt auch in die Kirche, — das hab’ ich schon, Lore, ich möchte es dir vorspielen, — da ist ein breiter Strom von einer tiefen, feierlichen Musik, und er glaubt schon, hier am Ziele zu sein, denn ein paarmal klingt stark und deutlich die ersehnte Melodie heraus, aber — weg ist sie wieder, auch da nicht das Ganze, und das Bruchstück nicht ganz rein. O, wo bist du?
Da ist ein Stück weit müde, hoffnungslose Grauheit in der Musik und nur die Geige, sein eigenes Herz, summt sich hie und da die paar Takte, die es noch weiß. Aber siehst du, Lore, er gibt das Suchen nicht auf, das ist es, was ich sagen möchte. — Was sagst du? ich sei dennoch ein Pfarrer? weil ich das Predigen nicht lassen könne? Ja, das muß ja wohl so sein. Und sieh, es ist auch nicht umsonst. Denn als alle die andern Stimmen schweigen und er alt wird und still, da — da ist zwei — drei Takte lang Pause in der Musik, — da tönt ihm auf einmal die Traummelodie wieder, irgendwo her, immer schöner, immer stärker, und er hört plötzlich, daß alles Geschaffene mitklingt, nicht mehr bruchstückweise, ganz, und er erkennt, daß sie nicht im Leben drin, daß sie das Leben selber ist. Das geht nun nicht aus, das ist ewig, das geht für ihn erst an. Und er will rasch mitklingen, denn die Saiten seiner Geige zittern schon, und er spielt und spielt, da reißt eine Saite um die andere, jauchzend brechen sie ab — dann ist die Geige still — dann hört man nur noch die Melodie im Orchester, leiser — immer leiser, bis es alles wie in weite Fernen entschwindet.“
Sie wagte kein Wort zu sagen, als er nun aufatmend schwieg. Sie sah ihn nur an, wie man ein fremdes, schönes Bild ansieht, das dennoch so rätselhaft bekannte Züge trägt. Er war so anders, als sie ihn sonst kannte, so erhoben, — so glänzend von dem inneren Licht, das ihn zu erhellen schien. Aber dann wußte sie doch, daß er ihr gehörte und sie strich sich mit der Hand über die Stirn, wie um die Befangenheit abzustreifen. „Und das hörst du alles in dir drin?“ fragte sie. „Das kannst du alles in Töne bringen?“ Da nickte er. „So Gott es mir hütet. So stark war es noch nie wie heut Abend. Es war oft eine Qual in den letzten Monaten — ach, wir wollen jetzt nicht mehr davon reden. Ich glaubte, ich hätte mich verlaufen. Sie fragten immer: Wo hinaus? Und ich wußte es nicht. Und dabei entschwand mir alles. Lore, das kommt nicht, wenn man es zwingen will, es kommt nur ungerufen. So kam es heute.“
Da ging auch durch sie etwas Großes hindurch, ein Glauben an ihn, — oder ein Glauben an seinen Glauben.
„Geh,“ sagte sie, und er sah das Leuchten ihrer Augen wieder, „geh und halt’s fest, und wenn du es festgenagelt hast, dann komm wieder. Und dann — gelt dann —.“ Er legte leicht die Hand auf ihren Mund. „Sag nichts sonst, heute nicht. Es kommt alles, eins ums andere.“ Und schloß sie in seine Arme. „Du, o du, wenn ich nicht mehr zwischen beidem hin- und hergerissen bin, und kann froh an dich denken und froh an meinem Werke sein — halt die Hände darüber, Lore — dann komm ich einst zu dir — dann sind wir beide gesegnet, du und ich.“
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