Als der Morgen graute, ging er aus dem Haus seiner Väter. Lore hörte ihn, wie er die Treppe hinabstieg und hörte die Haustür ins Schloß fallen und hörte seine raschen, festen Tritte auf dem Pflaster des Marktplatzes. Sie sah zu ihrer Mutter hinüber, die lag auch wach, sie blinzelte zwischen verschlafenen Lidern zu der Tochter herüber. „Na, ihr habt’s ja wichtig gehabt gestern abend. Was habt ihr denn jetzt ausgemacht?“ „Ausgemacht? Ach, er hat mir erzählt, was er schafft.“ „Ja, und dann?“ Lore drückte den Kopf in die Kissen und dehnte sich wohlig. „Dann hab ich ihm versprochen, daß ihr ihn in Ruh lassen sollt. Er weiß selber, was er zu tun hat. Hörst du? Sie machen schon die Ladentür auf. Ist das Franz? Das Frühaufstehen, weißt du, Mutter, das ist eigentlich nicht so meine Sache.“

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Er ging im dämmernden Morgen nach der Bahn, die Seele voll frischen Mutes und Glaubens, das Herz erwärmt von der alten Heimat und von Lore, die nun dort leben sollte. In wenigen Tagen schon wollten die beiden Frauen nach Wiblingen umziehen. Ach — es konnte ihm ja nur lieb sein. Sie war so wohl behütet in seiner Heimat. Er konnte so ruhig an sie denken und konnte einmal heimkommen und sich erfrischen an ihr — an allem Heimatlichen, bis — ja bis er ganz kam und sie zu sich holte. Wann? wohin? Das lag heute nicht so schwer auf ihm. Es fand sich, eins ums andere, jetzt, da er so reich an tönenden, treibenden Kräften wieder auszog.

„Ach, das habe ich nicht gesagt. Das habe ich vergessen. Sie soll Gertrud besuchen, bald und oft. Sie soll lieb mit ihr sein. Ich will es ihr schreiben, so bald ich nach München komme. — Gertrud — sie muß unsere Schwester sein, sie wird es auch, sie war die meinige, so lang ich denken kann. Das muß wieder zurecht kommen, es muß ja.“

Da hallten feierliche Schläge vom Turm. Und weit tat sich ihm das Herz auf. Die Morgenglocke. Mit der alten vertrauten Stimme rief sie ihn und gab ihm alles mit auf den Weg, was sie von jeher für ihn gehabt hatte. Es war aber alles schon vorher wach, wer weiß, ob sie sonst den Weg in sein Inneres gefunden hätte. Er nahm den Hut ab. Die Morgenluft spielte mit seinem Haar.

„Ich — ich will dir nicht entlaufen. Ich will dir dennoch dienen. Das wahre mir zur Leuchte.“

Und alle die alten, vertrauten Gestalten standen um ihn und nickten ihm zu und er war der ihren einer.

Fünftes Kapitel

Ein Frühlingstag, ein ganz rechter und echter. Alles, was blühen konnte, drängte und trieb und machte die Augen auf, alles, was zwitschern und schwirren und summen konnte, tat es, alles, was sich zu freuen vermochte, nahm, falls es den Winter hindurch aus der Übung gekommen war, einen neuen Anlauf dazu.

Im Rektorgarten blühten Syringen und Goldregen, und in den Beeten Narzissen und Kaiserkronen, es schwatzten die Staren und schmetterten die Buchfinken, es saßen um den steinernen Tisch unter dem großen Nußbaum drei Kinder, ebenfalls blühend, ebenfalls in lauten und lebendigen Tönen in das allgemeine Konzert der Daseinsfreude einstimmend.