Der Rektor Cabisius ging nicht wie an jenem ersten Frühlingstag, da wir ihn kennen lernten, in den Steigen auf und ab. Er saß an der sonnigsten Stelle des Gartens in einem Korblehnstuhl und ließ sich anscheinen, ohne daß er das Licht erblicken konnte. Denn er war jetzt bis auf einen kleinen, ganz kleinen Schein blind geworden. Aber die Pfeife hielt er noch in der Hand und als seine Enkelin zu ihm trat, da saß er umgeben von einem leichten Rauchwölkchen und taktierte, wenn er wieder ein paar Züge getan hatte, nach irgend einer Melodie, die er zu vernehmen schien, und sein Gesicht war so klar und heiter wie je. Vielleicht war es die Jubelouvertüre der Schöpfung, zu der ihm auch das Kindergeschwätz gehörte: „Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium,“ vielleicht auch zeigte ihm ein inneres Licht die Eingangshalle zu den Gefilden, die wir mit unseren guten Augen nicht zu erblicken vermögen und es klang feierlich in ihm: „wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum.“ Jedenfalls sah er aus, als ob er einer von denen sei, bei denen es „um den Abend licht“ wird.
Und das stimmte ja freilich nicht mit den äußeren Tatsachen. Aber darnach fragte der Rektor Cabisius nicht so viel.
„Großvater, du bekommst Besuch,“ sagte Gertrud. Und da kamen auch schon hinter ihren raschen, festen Tritten die etwas schlurfenden, von Stockstößen begleiteten des Meisters Nössel den Gartenweg herauf. Sie gab dem Großvater nur geschwind die Hand, eine breite, kräftige, nicht eben zarte Hand, denn sie mußte ihn hie und da ihres Dabeiseins versichern. Dann führte sie den alten Mann zu ihm. „Da ist noch ein bequemer Stuhl, Meister Nössel, und — ja, und Konrad soll noch eine Pfeife herunterholen, und da steht der Tabak und das Feuerzeug. Ich muß wieder zu meinen Kindern.“ Und dann ging sie wieder an den Tisch hinüber und hatte es sehr wichtig und sehr mütterlich mit einem großen Brotlaib und der Butterdose, und sah nicht, wie der eine der beiden alten Männer ihr kopfnickend nachsah und wie der andere zu seinen Worten lächelte: „Wenn sie die Judith so sehen könnte, wie sie da hantiert und so ein helles Gesicht hat und so aufrecht ist.“ Ja, da waren die beiden Alten wieder an ihrem Lieblingsthema angelangt: die Vorangegangenen, und die alten Zeiten, und das, was noch aus den alten Zeiten in der Gegenwart mit ihnen lebte, — das Kind.
Es war ein reiches und ein herzerwärmendes Thema, und all’ das Lebendige rings umher gab eine gute Begleitung dazu. Es hatte in diesem Garten von jeher und immer wieder Kinder und Blumen und Vögel gegeben, und auch mütterliche Frauen, die sich an Kindern und Blumen und Vögeln zu freuen wußten, — auch dann, wenn in ihrem eigenen Leben schon einiges abgeblüht und verklungen war. Gertrud paßte nicht schlecht in die Fußtapfen ihrer Vorgängerinnen in diesem Garten. Sie hatte wacker aufgehoben, was ihr an Leid des Lebens auf den Weg gelegt worden war, und sie trug es nun nicht wie einen Trauerflor um sich her, sondern sie hatte es, da es ja freilich nicht von flüchtiger Art war, tief in sich hineingeschlossen. Da wohnte es, ganz nah bei der „zwölften Kammer,“ von der schon einmal die Rede war, und trat ans Tageslicht nur in einer reifen, warmen Mütterlichkeit gegen alles, was eines Schutzes oder einer Hilfe zu bedürfen schien, in einem ernsten und klugen Verstehen von allerlei Nöten, die den Menschen in ihrem Bereich — auch nicht immer auf der Stirne geschrieben standen.
Es war Feiertag und sie hatte sich die Kinder geholt. Es waren die drei Buben der Türmersleute, die drei Entenmänner, die damals bei dem Adventsgewitter so heldenhaft die Köpfe unter die Decke steckten. Sie waren seitdem um ein gutes Stück gewachsen, hatten helle, kurzgeschorene Köpfe und lebhafte Augen, und Gertrud ging damit um, ihnen ein gut Teil von dem allgemeinen Wissen, das sie selber einst so hungrig in sich aufgenommen hatte, zukommen zu lassen. Warum war sie nicht Lehrerin geworden, wie einst bestimmt war? Warum sahen die beiden, der Älteste, starke und der Mittlere, zarte, mit so hungrigen Augen drein, wenn sie ihnen hinten unter dem Süßapfelbaum von den Wundern und Sagen der alten Griechen und von den Taten unserer eigenen Vorväter und zuweilen auch von dem Zug der Kinder Israel durch die Wüste erzählte? Der Jüngste, der war ein wenig dick und ein wenig denkfaul, der mochte ja ihretwegen Flickschneider werden, obgleich — wenn sie das sagte, dann erschien sie noch einen Zoll höher als sonst — droben auf dem Turm Meister Nössel auf dem Schneidertisch gesessen war, der sich mit allerhand Weisen und Gelehrten messen konnte. Sie wollte das ihrige tun, daß diese ihre Patenkinder, sie mochten werden was sie wollten, Teil hätten an den geistigen Gütern der Menschheit. Ja, macht nur die Augen auf, ihr Buben. Dote Gertrud hat so vieles in sich angesammelt, sie hilft sich selbst, wenn sie euch hilft.
Aber was versteht ihr davon?
Ihr rennet davon, alle drei, wenn ihr euer Vesperbrot gegessen habt und spielet unter den Bäumen, „Frau Mutter leih mir d’ Scheer“, nach einiger Zeit liegt einer von euch, der kleine, feine Leonhard, unter dem jungen Birnbaum am Stadtgraben und verschränkt die Hände hinter dem Kopf und guckt nach dem blauen Himmel, der zwischen dem Geäst hereinsieht und guckt den Wolken nach. Wer hat dich gelehrt, gerade so träumerisch dreinzusehen, wie Georg Ehrensperger, und gerade so leise vor dich hinzusummen, als ob dir etwas Schönes durch Kopf und Herz ginge?
Abgewendet hat sich Gertrud, als sie dir eine Weile zugesehen hatte und nun steht sie an dem Bretterzaun, der den Garten von der Straße nach Hinkelsbach trennt und sieht hinaus — hinaus.
Weißer Staub liegt auf der Landstraße, ein Lüftchen kommt und wirbelt ihn in die Höhe. Kinder verlassen den schmalen Steig, der neben der Straße hergeht und schlürfen mit den Schuhen durch den Staub, es ist so lustig, wenn sich das schwarze Leder weiß färbt. Mögen die Eltern auf dem ehrbaren Steig einhergehen und ihre sauberen Feiertagskleider schonen. Ihr Teil Staub bekommen sie dennoch, so gut wie die hellbegrünten Hecken am Weg und das junge Gras davor. Aber es schadet nichts, der Frühlingswind ist lustig und der tanzende Staub ist lustig, und die weißen Wölkchen, die durch den blauen Frühlingshimmel schimmern, sind lustig, und in Hinkelsbach ist eine große Bauernhochzeit, da wird’s erst recht lustig werden. Da müssen die Wiblinger dabei sein, die Metzger und die Bäcker und die Schuster und die Schneider, die alle mit den Hinkelsbachern zu schaffen haben. Es ist Pflicht, sie tun es der Kundschaft zulieb, wenn sie mit Kind und Kegel hinausziehen und essen und trinken und tanzen und sich im saubersten Staat zeigen. Sie greifen heut tief in den Beutel in dieser Pflichterfüllung. Wieder eine Gruppe und wieder eine, und nun kommen zwei, bei deren Anblick Gertrud Cabisius — nicht so ganz ruhig bleibt. Ein stattlicher, breit gewachsener Mann in hellgrauem Anzug, im Knopfloch eine rote Nelke, im Gesicht heiteres Behagen, kräftige Lebenslust, in der ganzen Haltung eine behäbige, vermögliche Bürgerlichkeit. Und ein hochgewachsenes, schönes Mädchen, nicht mehr so ganz jung, nicht so viel jünger als Gertrud, so recht reif und voll erblüht, im weißen Kleid, Korallen um den feinen Hals, leuchtend roten Mohn auf dem großen, gelben Hut.
Sie gehen im Takt, rasch, leicht, wie auf Federn; falls es auch für sie ein Pflichtgang ist, — er fällt ihnen nicht schwer. Worüber sie nur so viel zu lachen haben? So hell und herzlich kommt es heraus, so leicht und unbeschwert.