„Grüß Gott, Gertrud.“ Lore sagte es so übermütig, so sieghaft.
Schier ein bißchen Mitleid ist auch dabei, oder meint Gertrud das bloß? So etwa: „Was weißt du von Lebensfreude, du — du Großmutter? Ich — ich weiß davon. Du auch, Franz, gelt?“
Da ist wieder das Lachen. Und Gertrud weiß nicht recht, warum es ihr so ins Herz schneidet.
Vorüber.
Hintendrein kommt ein anderes Paar, der Müller Hensler, kurz, dick, rot im Gesicht, auch eine Blume im Knopfloch, Lore hat sie ihm hineingesteckt. Überhaupt, Lore. Wer kann sich noch denken, daß sie einmal nicht dagewesen sei? Der Müller Hensler nicht. Die Gäste in der Weinwirtschaft auch nicht. Franz? — Franz auch nicht.
Frau Maute geht in einer lilaseidenen Bluse, mit roten Blümchen besät, neben ihm her, ein wohlhabendes Lächeln um Mund und Augen, den Ansatz zu einem Doppelkinn auf der Perlborte des Halskragens ruhend, das rotblonde Zöpfchen sauber aufgesteckt unter einem meergrünen Spitzenhütchen.
„Immer jünger,“ sagt der Müller Hensler, wenn er sie ansieht. Er selbst wird auch immer jünger. Man weiß nicht, was noch werden mag. Wenn ihm nur der Wein nichts tut. Der Doktor hat dieselben Bedenken bei ihm, wie beim Bäcker Ehrensperger.
Vorüber.
Gertrud sieht ihnen nach und weiß nicht, daß sie es tut. Denn ihre Gedanken sind fern von hier, bei einem, der in diesem Augenblick in der kleinen, altersgrauen Kapelle, auf der Anhöhe am Isarufer sitzt. Es ist eine Orgel drin, und er läßt sie erklingen. Er hat geschrieben, daß ihm dort zuweilen, zwischen den grauen Steinwänden, an denen nur wenig Schmuck haftet, hie und da ein Heiligenbild, hie und da ein Kränzlein — daß ihm dort zuweilen schöne, schöne Melodien, wie in feierlichem Zuge kommen.
Nun sieht sie ihn dort sitzen, ein blindes, elendes Bübchen bei sich, das sitzt ganz still da und hebt die lichtlosen Augen und horcht. Wie die Klänge zu der offenen Tür hinausschweben in das grüne Dunkel des Busch- und Baumwerks draußen. Wie Gesang einer Gemeinde, die körperlos hier drinnen versammelt ist.