Hie und da ist Emeritz bei ihnen; hie und da kommt der Schneider, Theodors Vater, wenn er seine Kundengänge gemacht hat. Dann lädt er das Büblein auf seinen Rücken und trägt es heim, ein zweiter Sankt Christoforus, nur daß ihn das leichte Gewicht nicht niederdrückt, den breiten, starken Mann. Ihn drückt etwas anderes; ihn drückt der Kummer um das Kind. Daß es so hinleben soll, so lichtlos, so arm. Aber das Kind lächelt. „Es ist so schön gewesen, Vater.“ Bilder einer reichen Welt sind an ihm vorbeigezogen, die hält es noch fest.
Und nun ist der Komponist allein. Gertrud sieht ihn; sie sieht ihn deutlich. Wie er aufsteht und in dem dämmerigen Raum hin und her geht. Das weiß sie, daß er so zu tun pflegt. Aber sie weiß nicht, ob er mutig und froh darein sieht, ob er das, was ihm durch den Sinn zieht, fassen konnte, oder ob er sich müde daran zerarbeitet.
„Es wird so anders als ich dachte,“ schrieb er neulich an den Großvater, „es wird religiös, ernst, sehnlich — und ist doch keine Kirchenmusik. Ich weiß nicht, wer es aufführen soll und nicht, wie ich es nennen soll. Es ist keine Symphonie, kein Oratorium, es ist eine musikalische Dichtung. Aber ich kann nichts anderes schaffen als das. Alles, was ich habe, strömt dahin. Es muß mich doch noch segnen. Ich bin jetzt weit voran. Ich denke bis zum Sommer fertig zu werden.“ Dann, wenn er nach Haus geht, das heißt, in seine Stube zurück, geht er den Strom entlang, und sieht den Abendhimmel sich darin spiegeln, und die Ufer, und kommt zu den Menschenwohnungen und sieht Kinder auf der Straße spielen, und sieht ein Paar mit einander gehen, und sieht den Blick, mit dem sich die beiden ansehen, und erschrickt, daß er so allein sei und kein Auge habe, in das er das seinige senken könne, nun seine Seele zurückgekehrt ist aus der Welt, die er ahnend, tönend festhalten wollte.
Dann, das weiß Gertrud, ruft er sich ein Bild vor die Seele, das gehört ihm, — sie ist es aber nicht, es ist Lore. — Und er breitet im Geist die Arme nach ihr aus. „Bald, bald.“
Wie sie da am Zaun zusammenschrickt, als müsse sie noch die beiden stattlichen Gestalten dahinschreiten sehen, die vorhin vorbeigingen.
Weißt du es, Lore, daß er die Arme nach dir ausbreitet? Wartest du ebenso auf ihn? Sicher, gläubig, still und fest? Warum kommst du nie mehr zu Gertrud Cabisius? Du habest so viel zu schaffen, sagst du? Sie hat dich aufnehmen wollen, um seinetwillen, sie hat ihr Herz bezwungen, daß es dich hereinließ. Und nun Lore? — Vorüber. Kein Staubwölkchen zeigt mehr, wo ihr gegangen seid. Leer und still die Straße.
Und Gertrud wendet sich um und geht zu den Kindern und spielt mit ihnen, und geht zu den Greisen, die schon durch ein langes Leben gegangen sind. Dauert es lang, bis man so alt wird? Still.
**
*
In der Krone zu Hinkelsbach ging es hoch her. Er war eine stattliche Bauernhochzeit mit vielen Gästen. Wagen an Wagen drängte sich vor der Tür, Ellbogen an Ellbogen saß man in der großen Wirtsstube, Paar an Paar drängte sich im Tanzsaal. Die Wiblinger waren mitten drunter. Die Kinder tanzten draußen im Hausöhrn und hinter dem Haus auf der Wiese, die Alten drinnen.
Auf einer kleinen Erhöhung waren die Musikanten untergebracht. Ein alter Baßgeiger, kurzatmig, den Kopf tief zwischen den Schultern eingebettet, strich, beständig mit den kleinen Äuglein zwinkernd, so eifrig auf seiner Baßgeige hin und her, als sei sie ein Stück Brennholz und der Bogen eine Säge, die es zu zerkleinern habe. Didel dudel dudel — didel dudel dudel. Neben ihm blies ein Klarinettist von fast schwindsüchtiger Hagerkeit, lang und oben vornübergebeugt, mit düsterm Gesicht in sein Instrument hinein. Wie lange mochte er noch Atem haben, um die Töne hervorzubringen, die den Bauern und den Städtern in die Beine fuhren?