Didel dudel dudel — didel dudel dudel. Und noch zwei Musikanten. Ein Geiger und ein Harfenmädchen. Sie schienen zusammenzugehören, wenigstens tauschten sie hie und da einen Blick des Einverständnisses, der Geiger aus feurig blitzenden Augen, an deren Blinken indessen zum Teil der reichlich genossene Wein schuld sein mochte. Wenn solch ein Strahl das Mädchen traf, dann hob es für flüchtige Sekunden die dunklen, etwas schwermütigen Augen, die in einem bräunlich-blassen Gesicht standen, und langsam färbte eine aufsteigende Röte ihre Haut bis unter das krause dunkelbraune Haar.
Sie trug ein grünes Kleid, das zu einer längst verklungenen Zeit ein Prachtstück gewesen sein mochte, mit vielen Garnituren und Falten, und um den bloßen Hals ein Kettlein aus kleinen Goldblechmünzen, und ihre Schuhe sahen unter dem Saum ihres Kleides hervor wie solche, die für glatte, ebene Wege gemacht und widerwillig steinige, mühselige Straßen gegangen waren. Didel dudel dudel. Sie griff ihre Akkorde dazu wie eine, die es aufgegeben hat, in der weiten Welt noch etwas besseres zu suchen als tanzenden Bauern aufzuspielen, den schwermütigen Unterton zu dem Gekreisch und Gelächter der Geigen und Klarinetten, heute hier, morgen dort, — weiter, weiter, ohne Heimat, ohne friedlichen Rastort. Was ihr der Geiger war, wer konnte es wissen? Ein Trauring blinkte nicht an der Hand der Harfnerin, an der seinigen saß ein Siegelring. Er führte den Bogen nicht ohne Geschick, es hatten schon schlechtere Musikanten als er hier gefiedelt. Didel dudel dudel.
Dachte Lore Maute an einen andern Tanzsaal, einen weiten, grünen Wiesenplan am Saum des Waldes? Damals waren die Englein auf weiß schimmernden Wölkchen gesessen und hatten aufgespielt, alles war Glanz und Jubel und Seligkeit gewesen, alles Jugend, Jugend. Das war lang her seitdem, es ging ins vierte Jahr. Sie hatte damals wohl auch mit Franz getanzt — heimlich lächelnde Blicke des Einverständnisses mit Georg tauschend. Es war so anders als heut.
Warum kam er auch so lange nicht? Warum tat er sich nicht um eine Stelle um, ein Brot? Warum mußte mit Gewalt jenes Werk vorher fertig sein, von dem man nicht einmal wußte, ob es dann Geld und Ehren brachte? Sah so das Glück aus, nach dem Lore Maute, die schöne, bewunderte Lore ausgeschaut hatte, seit sie denken konnte?
„Komm, Franz.“ Und sie tanzten, tanzten, ruhig, sicher, beherrscht und gut im Takt, sie, — warm und angeregt vom Wein und von der Frühlingsluft und von der Musik, und von dem Anblick des schönen Mädchens, das er im Arm herumschwenkte — er —. Er war ein stattlicher Mann, gerade im besten Alter, und heiter, und gutmütig, und hatte schöne, weiße Zähne; wenn er lachte, sah er hübsch aus. Und seine Augen und seine Gedanken waren gleicherweise hell, nüchtern und aufs Reelle gerichtet.
„Prosit, Frau Base,“ sagte der Müller Hensler und stieß mit Frau Maute an. Sie saßen an einem Ecktischchen und sahen in das Gewühl der Kommenden und Gehenden. Mit dem Tanzen war es bei dem Müller Hensler vorbei, trotz seines jugendlichen Gemütes, es fehlte am Atem. „Prosit, Herr Vetter.“ Frau Maute lächelte süß und sah in den offenen Tanzsaal hinein, wie in einen vollen Geldbeutel. Was sie da sah, gefiel ihr. Jetzt setzte die Musik aus, „die Jungen“ kamen herein, hochatmend und vergnügt. „Jetzt etwas zu essen her, aber viel und etwas Gutes,“ sagte Franz. „Ich muß hier etwas draufgehen lassen, sie kaufen viel bei mir. Ihr wißt es.“ Ja, das wußten sie. An ihnen sollte es nicht fehlen, wenn die Kundschaft künftig schlechter wurde. Die Musikanten kamen auch in den Saal. Ganz hinten beim Schenktisch ließen sie sich nieder. Das Harfenmädchen war nicht dabei. Der Geiger ließ die Augen unruhig umherlaufen. Als sie nach einer Weile nicht kam, stand er auf und ging mit großen Schritten durch den Saal und durch die offene Tür in den Tanzraum. Dort mußte er sie gefunden haben, denn er führte sie an der Hand mit sich herein. Sie sperrte sich, es mußte etwas zwischen ihnen gegeben haben. Die Gäste sahen auf und einige lachten. „Nimm dich zusammen,“ raunte der Geiger und sah sie zornig an. Da ging sie mit gesenktem Kopf neben ihm her; er hielt ihr Handgelenk umspannt wie mit einem Schraubstock.
Als die beiden an dem Tisch der Wiblinger vorübergingen, fing Lore einen Blick von Franz auf, der ihr nicht gefiel. Was wollte er? „Du,“ sagte er, so mit einer spöttischen Lustigkeit, die man nicht an ihm gewöhnt war, „du, Lore, was meinst du, das Harfenspielen wird nicht so schwer zu erlernen sein?“
„Das Harfenspielen?“ Sie sah ihn groß an. „Warum, willst du es üben?“
„Nein,“ er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und ließ seine Augen über sie hingehen, „ich dachte nur so bei mir, die Musikerfrauen können doch auch zuweilen, wenn Not an Mann geht, den Männern im Handwerk helfen. Sauber ist die da auch, nimm mir’s nicht übel, wenn du auch schöner bist. Du könntest immerhin zeitig anfangen.“ Jetzt hatte sie ihn verstanden.
„Sei still,“ sagte sie. Ihre Stimme war klanglos und ihre Augen flammten zornig auf. „Was fällt dir ein?“ Sie kehrte sich mit einem Ruck von ihm ab. Die Alten hatten nichts bemerkt, sie waren eifrig mit Essen beschäftigt. Da erschrak er, weil er sie nun verletzt hatte. Er wußte nicht, wie es ihn so plötzlich angekommen war, das zu tun. Er war aufgeregter, als er von sich selbst gewöhnt war.