„Lore,“ sagte er halblaut, „Lore, es war ja nur ein Spaß. Es fiel mir so ein. Sieh einmal den Geiger an, er sieht dem Georg ein bißchen gleich. Lore. Ich mein’s doch gut mit dir. Das weißt du doch. Jetzt sei nicht bös. Guck, ich hab’s schon lang sagen wollen: er bringt’s ja doch zu nichts. Ich mag ihn, er ist mein einziger Bruder. Aber das sag’ ich doch. Er bringt’s zu nichts. Er ist nicht praktisch und nicht nüchtern. Ich will dir sagen, was er ist: er ist zu ideal.“

Jetzt war er ganz bei der Sache. Die Worte flossen ihm leichter von den Lippen als sonst.

„Guck, er hat immer bei allem so einen Gedanken, wie es eigentlich sein müßte. Da kommt er mit dem, was ist, nicht ins Glatte. So war’s beim Pfarrer werden. Er sei nicht fromm genug dazu, er wäre nicht wahrhaftig, wenn er’s würde, hat er gesagt. Und so ist’s jetzt. Das weißt du selber. Ist er etwas? Wird er etwas? Immer so eine Eigenbrötlerei, anstatt drauf loszugehen. Sich ein bißchen gut dran machen bei den Lehrern, ein Examen machen, dann sich irgendwo niederlassen, hier in Wiblingen, wenn’s sein muß. Er könnte Stunden genug kriegen und könnte Organist werden. Aber nein, da muß komponiert sein. Und was? Ach, ich ärger’ mich ja zu sehr, komm, wir wollen tanzen, Lore.“

Sie saß längst wieder gerade neben ihm, sah in ihren Schoß, während er redete, und über ihre Mienen spielten unruhige Lichter. Als er sie zum Tanzen aufforderte, stand sie auf, ohne ein Wort zu sagen und ging hoch und aufrecht neben ihm her.

Sie dachte jetzt nicht gut an den Fernen. Franz hatte recht. Er brachte es zu nichts. Jahr um Jahr verging — sie sah jetzt nicht mehr das stille, tiefinnerliche Glück, das sie zuweilen in seiner Gegenwart überschattet hatte, — sie sah auch nicht mehr das Leuchten seines Sterns, seiner Zukunft, — sie sah nur den Sonderling, der, nicht mehr im schönen, stolzen Sinn, anders war, als alle andern. Ein Zorn überkam sie, eine jähe Blutwelle stieg ihr bis unters Haar, bis in die Fingerspitzen. Franz sah es. „Du könntest es besser kriegen. Ihr passet ja nicht für einander.“ Er sagte es kaum hörbar. Als nichts darauf erfolgte, fuhr er fort: „Ihr drücket einander, — du ihn und er dich. Lore, du solltest — du solltest einen Knopf an die Geschichte machen — einen Schluß, mein’ ich. Er ist froh — schließlich — nicht gleich, — aber bald. Und du auch. Und dann — dann nimmst du mich. Dann bleibt alles in der Familie.“ Er lachte ein wenig, so, als sollte es ein Spaß sein und war doch Ernst.

„Sei still.“ Sie brachte es kaum heraus. „Sei doch still. Ich frag’ ihn; er soll mir’s sagen. Ich will keine alte Jungfer werden. Ich nicht. Das kann er nicht verlangen.“

Der Geiger und das Harfenmädchen kamen Hand in Hand auf ihren Platz bei der Musik zu. Sie waren scheints wieder einig.

Als Lore sie sah, verdunkelten sich ihre Augen, so mächtig schoß ihr das Blut in die Stirn. Wer wagte es, sie mit einer herumziehenden Musikantenbraut zusammenzustellen?

Dort in Wiblingen stand das solide, gedeiliche Ehrenspergerhaus. Dort konnte sie Herrin sein, wenn sie wollte. „Komm, Franz.“ So hatte sie noch nie getanzt. Alles war Leben, Wallung, zornige und hingebende Leidenschaft an ihr. Der Müller Hensler stand unter der Tür und pfiff leise zwischen den Zähnen, als er sie sah. Sie hatten ja recht, es war gewiß das Gescheiteste, wenn sie zusammenkamen, die Zwei da. Indessen, er konnte sich nicht helfen, der „Pfarrer“, der Musikant, der Georg tat ihm doch leid. Allein, die Lore blieb ja in der Familie, und alles konnte einer auch nicht haben: das schönste Mädchen und alle Freiheit, zu leben wie er wollte. Es fiel ihm eine Geschichte aus Georgs Kindheit ein. Da hatte man ihn gefragt: „Willst du lieber Kirschen oder Butterbrot?“ und er hatte nach kurzem Besinnen gesagt: „Lieber Kirschen und Butterbrot.“

So ging es aber nicht das ganze Leben hindurch, da konnte ihm niemand helfen. Er tat ihm aber dennoch leid.