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Als an diesem Abend die Wiblinger nach Hause gingen, ziemlich spät und ziemlich lebhaft angeregt, da saß der, der einst „Kirschen und Butterbrot“ gewollt hatte, an einem Kinderbettchen und drückte die trockenen, überwachten Augen und die heiße Stirn in die kühle Decke, die darauf lag. Drüben in seiner Stube beschien die Lampe viele verstreute Notenblätter, ein offenes Klavier, ein unberührtes Nachtessen. Die Lampe flackerte unruhig, denn beide Fenster standen offen, und hie und da hob der Wind ein Blatt und trug es ein Stück weit, bis es auf den Boden fiel. Wollte er Georg Ehrenspergers „schönstes Lied“ in die weite Welt hinaus tragen, damit es bekannt würde? Er, der Wind, war ja auch darin, und die Frühlingsnacht mit ihren wundervollen Sternen. Es war ja aber noch nicht fertig. Da mußte wohl der Wind noch warten. Darum ließ er die Blätter, eins ums andere, nahe beim Fenster zu Boden fallen. Georg war nur zur Erfrischung auf eine Weile zu dem blinden Theodor hinübergegangen. Der war seit einigen Tagen krank. Nicht schwer, nur ein bißchen fiebrig und matt. Er lag in der Wohnstube und war allein. Der Schneidervater war vorhin ins Bett gegangen, er war rechtschaffen müde. „Nehmen Sie nur die Lampe mit,“ hatte Georg gesagt. „Wir brauchen kein Licht, gelt, Theodor?“

„Nein.“ Ein schmales, heißes Händlein schob sich in seine große Hand.

„So, jetzt sind wir allein. Willst du noch nicht schlafen, Theodor? Sag’s, wenn du müde bist.“

„Nein, ich schlafe noch nicht. In deiner Hand klopft es so stark. Da, in den Fingern, und überall. Was tut da so?“ „Das tut überall so, in meiner Stirn und in meinem Herzen und überall. Das ist mein Blut. Das ist so unruhig, weil mich etwas stark umtreibt.“

„Was treibt dich denn so stark um? Was ist das — umtreiben?“

„Ach, sieh, es ist mir auf einmal angst geworden: es ist so viel, viel Musik in der Welt. Allein in dieser Stadt, lieber Bub, so viel. Du glaubst es nicht. Und jetzt will ich doch auch kommen und sagen: hört auf mich. Und wenn jemand horcht, wem wird es dann Freude machen?“

Sie waren so gute Freunde geworden. Immer bessere mit der Zeit. Sie verstanden einander ausgezeichnet. Was dem einen an Jahren abging, das hatte er an wartender, sehnlicher Armut voraus, die hungrig auf- und annahm, was in das verdunkelte, abgeschlossene Kinderleben dringen wollte.

„Ach, das gefällt allen. Es ist ja so schön.“ Er war aber doch ein bißchen bedenklich. So viele Musik war? Wo denn nur? War die Welt so reich? Und würden die andern einmal eine Weile still sein, daß man Georg Ehrensperger hören konnte? „Also sieh, auf morgen, da ist mir’s angst. Da will ich zu einigen Leuten gehen, die etwas verstehen, meine Mappe unter dem Arm, und will ihnen etwas vorspielen. Weißt, die Stellen, die dir so gut gefallen. Ich will sie fragen, ob sie mir zur Aufführung helfen wollen. Oder, Theodor, — ob mir’s einer abnimmt, ganz und gar, und druckts — viele hundertmal, du. Ach, das darf ich ja fast nicht denken. Aber schön wär’s. Und dann — Konzert in den Mathildensälen — oder sonstwo, und das ganze Orchester setzt ein — ob sie mir’s auch fein genug spielen, — und ich, ich sitze ganz hinten und horche, und du bist auch dabei. Und wer noch? in einem weißen Kleid und hat eine einzige, rote Rose vorn stecken? und sieht mich an: du, so schön hätt’ ich mir’s nicht gedacht? Wer? Und sagt: du, ich bin stolz. Alle die vielen Menschen hören auf dich?“

„Das Fräulein Lore,“ sagte Theodor vergnügt. Es war nicht das erste Mal, daß sie davon sprachen.