„Und dann nachher kommt sie zu mir und sagt: Theodor, wenn wir aber einmal in einem schönen Haus mit einem großen Garten dran wohnen, dann hol’ ich dich, dann mußt du zu uns auf Besuch kommen. Das sagt sie, weil sie die Kinder gern hat und weil ich dein Freund bin.“
Man sieht, daß die zwei miteinander die allerbeste Meinung von dem Fräulein Lore hatten. Sie konnten gar keine bessere Meinung von irgend jemand haben.
„So, jetzt muß ich wieder hinüber und du mußt schlafen. Schlaf dich gesund. Wirst du schlafen können?“
„Ich weiß nicht. In meinem Kopf drin ist alles ganz wach. Spiel’ mir noch etwas. Spiel’ das, wie die Kinder auf der Wiese tanzen. Das tu’ ich auch, wenn ich in den Himmel komme und gesunde Füße habe, und Augen, und kein Rückenweh. Spiel’ mir das, dann schlaf’ ich ein.“
Da ging Georg Ehrensperger in seine Stube hinüber und sah, daß die Lampe am Erlöschen war und was der Wind für Arbeit mit seinen Notenblättern gemacht hatte. Und löschte das Licht und nahm seine Geige und spielte beim Sternenschein dem blinden Kind das Schlaflied: wie gesunde, frohe Kinder auf einer Wiese tanzen und springen und einander Blumenkränze aufs Haar drücken und ein heiteres Lied singen. Auf der einen Seite, Wand an Wand mit ihm, hob die dicke, brave Gemüsehändlerin, Emeritz’s Mutter, das runde Haupt, das in einer gestrickten Schlafhaube steckte und sagte mit gutmütigem Brummen: „Na, geht er heut gar nimmer ins Bett? muß er vollends zu Haut und Knochen werden?“ und beschloß, ihm morgen einen extrazarten Rettich zu spendieren, wann er kommen würde, um die Miete zu bezahlen. Und schalt Emeritz, die neben ihr im Schlafe lachte: „Ja, jetzt lachst du. Steh’ auf und tanz’, im Nachthemd meinetwegen. Das möchtest du, Nichtsnutz! Und gestern hast du ihm die staubigen Stiefel unters Bett gestellt. Das kommt mir noch einmal vor. So einem Herrn, den die Engel Gottes hüten müssen, daß er in der schlechten Welt nicht unter einen Wagen kommt, so unbewußt ist er.“ Und küßte das Kind, das immer noch lachte, auf den Mund. Das tat sie bei Tag niemals. Da hörte sie aber auch Georg Ehrenspergers Geigenspiel nicht. Und auf der anderen Seite zogen durch die Seele des elenden Bübleins die lieblichen, heiteren Klänge wie lichte, festliche Boten aus einem Land, in dem es keinerlei Mangel, noch Dunkelheit, noch Schwäche gibt und zogen sich in einen purpurnen Traum hinein, der das Kind in seine Arme nahm.
Denk daran, Georg Ehrensperger, wenn du morgen saure Tritte tun wirst und Achselzucken und befremdete Mienen sehen und ablehnende Worte hören.
Denk daran, daß du einem armen Kind wohl getan und ein anderes lachen gemacht und einer Mutter das Herz zum Wallen gebracht hast. Denk daran, wie viel festliche Stunden du deinen Freunden, den armen Leuten, schon bereitet hast und wie dir selber im Ringen mit dem schaffenden Geist der Ernst und die Schönheit und die Tiefe des Lebens aufgegangen ist. Und laß deine Hände sinken, wenn sie unruhig nach dem Kranz, den der Ruhm flicht, greifen wollen. Aber die Augen laß nicht sinken, Georg Ehrensperger.
Sechstes Kapitel
Es ist eine alte Geschichte und schwer zu erzählen, die Geschichte von dem Geiger, der das schönste Lied suchte. Sie ist schon oft erzählt worden in vielen Sprachen, zu allerlei Zeiten. Sie ist die Geschichte vieler. Ja, sie geht durch die ganze Menschheit hindurch. Wer erlebt sie nicht mit? Nur die ganz Satten, ganz Heimischen wissen gar nichts davon zu sagen. Die andern alle sind irgendwie am Suchen und sind es ihr Leben lang und bis an den Tod.
Aber es sind doch immer noch einzelne, die Sonntagskinder, die Horchenden, von denen wir schon einmal geredet haben, denen vom Paradies her noch das Rauschen der vollen Lebenswellen in den Ohren klingt, die sind von einem Verlangen getrieben, sie wieder zu hören, ganz rein, ganz stark, — und die andern auch hineinhorchen zu lassen.