Still!
Es ist ein langer, schweigender Zug, der an unsern Augen vorübergeht.
Auch jener gehört dazu, der ahnend sagte: Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, das hat Gott bereitet denen, die ihn lieben. Auch Er — ach er wie kein anderer, der seinen Glauben und seine Liebe durch eine Welt voll Enttäuschungen und Mißerfolge und Nichtverstehen hindurchtrug und dennoch in der letzten Stunde noch einem armen Menschen versprach, daß er jetzt dann gleich — heute noch — sagte er, mit ihm das Rauschen der Paradiesesströme hören werde.
Auch Jabal und Jubal, als sie zum erstenmal Pfeifen schnitten und versuchten, das, was sich nicht in Worte fassen ließ, den Menschen in Tönen zu sagen.
Auch alle Propheten und Dichter und Künstler und Priester aller Zeiten und Völker, so fern sie nur wahrhaftig das, was vom Ewigen in ihrer Seele lebendig wurde, — und nichts anderes — aufnahmen und ihm nachgingen, immer hinter ihrem Glauben und ihrer Hoffnung her, immer wieder in die Stille gehend und sich sammelnd, wenn ihnen die Melodie verloren ging, immer wieder den andern mitteilend, dass sie Gott in und hinter dem Leben vernahmen.
Auch jener alte Mann gehört zu ihnen, den Georg Ehrensperger am Abend eines Tages, an dem ihm allerlei Hoffnungen fehlgeschlagen hatten, in der kleinen, grauen Kapelle am Isarufer fand, von einer Schwäche befallen, und den er sorgsam nach Hause führte. Der hatte in seiner Stube, vier Treppen hoch in einer engen Gasse, achtundzwanzig Mal dasselbe Bild an der Wand, in Bleistift-, Kreide- und Kohlezeichnungen und in Aquarellfarben ausgeführt, einigemal sehr mangelhaft, einigemal besser, einmal in einer reifen warmen Schönheit. Es war ein Stückchen kahle Heide, an deren Rand ein kleiner Weiher lag, in dem sich eine Birke spiegelte. Ein armes, einfaches Stück Land, aber auf dem letzten Bild war alles, Heide, Weiher und Birke vom Lichte der scheidenden Sonne golden übergossen. Man sah den feurigen Ball nicht mehr, nur die Flut des segnenden Lichtes, das von ihm ausging. Kein Läublein schien sich an der Birke zu rühren, kein Wellchen in dem Weiher, kein Gräslein in der Heide; es war, als ob alles den Atem anhielte, um nicht durch eine Regung einen funkelnden Tropfen des goldenen Reichtums zu verlieren.
„Ich habe nichts sonst zu hinterlassen,“ sagte der alte Mann, als Georg still davor stand, „nichts als das, wenn ich davon gehe. Ich habe es hundertmal versucht, es schien mir ein Bild meines Lebens zu sein. Aber die Sonne hat mich doch gesegnet, einmal doch. Sie ist doch da, auch wenn man sie nicht sieht. Man muß nicht an ihr verzagen. Man kann sie nicht so malen, wie sie ist,“ er lächelte fein, „ich einmal nicht; — wir haben auch wohl keine Augen, um hineinzusehen — höchstens wenn sie sinkt, ganz zuletzt. Aber sie segnet uns doch.“
Und Georg wußte, daß ihm hinter dieser Sonne eine andere stand, der er nachging in Liebe und Verlangen, und daß er hoffte, irgend einmal rechte Augen dafür zu bekommen.
Ja, er gehörte auch zu jenem stillen Zug, von dem wir sprachen. Und Georg Ehrensperger auch.
Sie wissen nichts von einander, oder doch nur selten. Sie gehen viel allein, in Armut und mit sehnlichen Herzen, und es gehört zu ihrer großen Hoffnung, daß irgendwann einmal das große, herbe Alleinsein aufhöre.