Alle guten Geister....

Da grüßen sie einander durch Länder, Zeiten und Ewigkeiten hindurch und sind dennoch eine Gemeinde untereinander. Es ist eine alte Geschichte und oft ist es auch eine leidvolle Geschichte, schwer zu erzählen, die Geschichte von dem Geiger, der das schönste Lied suchte.

Wenn er es in sich selber vernimmt und seine Finger sind schwer und seine Geige hat keine Saiten dafür.

Wenn die andern herumstehen und die Köpfe schütteln: Was ist das? Das ist wirres Zeug, dunkles. Ein Narr bist du.

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Der Frühling und der Sommer war vergangen, es war Herbst geworden.

Daheim in Wiblingen lag die Sonne auf den reifenden Trauben in den Weinbergen und auf den Apfelbäumen droben am Berg in dem Obstgut, wo einst die Kinder miteinander Kirschen gebrochen hatten, und auf Lore Mautes breitrandigem Strohhut, unter dem ihr lachendes Gesicht hervorsah. Sie stand unter einem Rosenapfelbaum und hatte einige niedrige Zweige zu sich heruntergezogen und brach die reifen Früchte in einen Korb. Oben auf einer Leiter stand Franz und hatte einen Zwerchsack umhängen. Er war an der gleichen Beschäftigung. Heitere Reden flogen hinauf und hinunter, neckische Sonnenlichter tanzten in den Zweigen, im herbstlichen Duft und in glänzenden Farben lag die Landschaft da.

Es saß einer fern davon am Isarufer und sah in die ziehenden Wellen des Flusses, auf denen auch die Sonne lag und hatte doch ein anderes Bild vor Augen, das schützte er sich nach einer Weile mit der vorgehaltenen Hand, damit es ihm nicht vergehe. Darauf war mit freundlichen, warmen Farben die Heimat gemalt, das ganze Städtlein und die Berge und Felder ringsumher und die Häuser und die Menschen. Ach ja, die Menschen. Ihrer bedurfte er am meisten zu dieser Stunde. Dachten sie seiner? Einige waren, die wußten, was er jetzt, heute, vorhatte. Da stärkte er sich im Gedanken an ihr Dabeisein, an Lores vor allem. Sie ging es vor andern an, darum schuf er sich von ihr, was er in ihr suchte, treues und ernstes Gedenken.

Als es von einem nahen Kirchturm sechs Uhr schlug, stand er auf, mit stillem, gefaßtem Gesicht, obgleich es hinter seiner Stirn und in den Händen pochte und zuckte, und ging in die Stadt. Es war Zeit. Drinnen auf der Theresienwiese ging es laut und farbig zu. Es war ein Menschengewühl und ein Gelärme von schriller Karussellmusik, von Moritatensängern und Schießbudenausrufern. Das Oktoberfest hatte begonnen. Durch all das Gewühl hindurch ging Georg Ehrensperger seiner Wohnung zu. Wie es ihm plötzlich im Ohr klingelte, als wollte sich etwas anmelden von ferne her. Das war’s, der Lärm rief es in ihm wach, er hatte lang nicht an jenes hinterlassene Wort des alten Hollermann gedacht: „wer den rechten Ton will finden, der in allen Dingen beschlossen liegt, der muß in die Stille gehen und horchen. Und darf nicht fragen: ist es so den Leuten recht? Sonst lärmen ihm die Trommeln und Pfeifen der Jahrmärkte dazwischen.“

Ja, aber jetzt mußte er doch darnach fragen, jetzt, da sein Werk fertig dalag und nach Menschen begehrte, zu denen es reden könne. Es sollte ihm nicht gehen, wie jenem alten Musiklehrer, den er kannte. Der hatte ihm einst geschriebene Noten gezeigt, drei Schubladen voll, lauter eigene Kompositionen, die nie vor Menschenohren hatten klingen dürfen, weil sie ihm niemand abgenommen hatte. „Da steh’ ich manchmal davor,“ hatte er gesagt, „und höre, wie es da drinnen wimmert und klagt und heraus will. Noten sind doch lebendig, — lebendig begraben sind sie.“