Dann fing er an. Dann breitete er alle die Zeugen seiner stillen Stunden, der frohen und der bösen, vor fremden, horchenden Ohren aus. All’ sein Ringen mit dem Innersten, das es gab, daß es einen Ausdruck finde, das zeigte er diesen Leuten. Eine Zeitlang ging es gut. Er hielt sich fest am Zügel: Nicht denken jetzt, nicht fragen. Aber dann lief doch ein Gedanke zu einem Spalt hinaus: Ob einer, auch nur einer, mit dem Herzen dabei ist? Und eben, als er das fragte, bekam sein einziger näherer Bekannter unter ihnen den Schlucken und schluckte ein paar mal laut hinaus, eh’ er Zeit fand, es zu unterdrücken. Es war ein nervöser Reizzustand bei dem Mann, das wußte Georg, er störte ihn oft. Aber warum kam es gerade jetzt? — Weiter — Aber der Spalt ließ sich nicht mehr schließen. Ein Unruhgeistchen um das andere schlüpfte herein und saß auf den Tasten oder rumorte in seinem Gemüte. Alle Fehler, die sein Werk hatte — und es hatte deren viele, wenn man es kritisch ansah, — die fielen ihm jetzt auf, mehr, immer mehr. Es war ihm, als ob er sie zählen müsse. Und in seinem Kopf klopfte etwas hart und hölzern den Takt dazu, tak — tak — tak.
Seine Lieblingspartieen kamen, da eine, dann wieder eine, dahin wollte er sich retten, wie auf selige Inseln. Einmal gelang es auch, da atmete er auf und wußte: das ist schön, da mögen sie sagen, was sie wollen. Aber dann mußte er wieder weiter schwimmen, und da hörte er hinter sich ein Stühlerücken und — hatte da nicht der Deckel einer Dose geschnappt? — Weiter. —
Aber er war nicht mehr der Geiger, der das schönste Lied suchte, er war es nicht mehr selbst, er selbst, wie während des Schaffens. Er saß daneben und spielte etwas fremdes, das sagte nicht das, was in ihm lebte, es war anders und er kannte es nicht mehr.
Hilf mir, guter Geist, — bleib bei mir! Bleib da drin, in diesen Tönen, wie du drin warest, als ich sie schuf. Wo bist du? — Jemand stand auf und ging, jemand trat ans Fenster und öffnete einen Flügel, da gellte wie ein Hohnschrei die Jahrmarktsmusik herein. Darauf wurde er freilich wieder geschlossen, aber der Schrei blieb hier drinnen.
Er wußte, daß er bis zum Ende spielen mußte. Sie saßen doch nun einmal da, und er saß auch da, und die Noten standen auf dem Papier. Aber er wußte auch, daß dann irgend etwas sonst noch zu Ende sei. Was? Nicht denken jetzt, fertig machen.
Und plötzlich spürte er wieder so ein Summen und Klingen im Ohr, wie vorhin auf der Straße. Und er wußte, daß da drüben, Wand an Wand mit ihm, die kleine Gemeinde der Hausfreunde sei und liebend horchte, mit dem Herzen, nicht nur mit den Ohren, — und dann taten sich die Wände auf, und weiterhin auf der Welt waren noch mehr solche Menschen, und — ja und Gertrud Cabisius sah ihn an, ganz wie einst und horchte auch. Da schwanden die Ängste, die fast körperlich gewesen waren, und die Männer hinter ihm. Wie im Traum spielte er weiter und merkte nicht viel davon, daß es allmählich unruhig wurde in der Stube, und daß jemand neben ihn trat, um zu sehen, ob es noch nicht bald aus sei, und daß eine fette Stimme etwas von absolutem Mystizismus sagte, und daß der Inhaber dieser fetten Stimme ging, eh’ es aus war.
Er ging hinter seinem Lied her und es war ihm, als ob sich, wenn nun der Schluß kam und die Saiten sprangen und der Geiger starb, die vollen Chöre von drüben herüber hören lassen müßten, von daher, wo es „bessere Geigen“ gab.
Aber es geschah nichts so Wunderbares.
Es geschah ein Stühlerücken und Aufstehen und er selbst merkte, daß er auch aufstand und daß einiges zu ihm gesagt wurde, und daß ihm jemand ein Glas Wasser einschenkte und hinhielt. Da trank er und kam in die Welt zurück, und sie schenkte ihm auch einen Becher ein, der war gefüllt mit einiger zögernden Anerkennung dessen, was „immerhin musikalisch“ daran sei, und ein wenig Hoffnung, daß „bei tüchtigem Studium schon noch etwas herauskomme“, und mit viel lächelnder Gleichgiltigkeit. Da wußte er und war plötzlich wach geworden, — es war ein scharfes, wehtuendes Wachsein, — daß er zu denen gehöre, die das hohe Lied des Lebens, das in ihnen erklingt, nicht singen können, nicht so, daß es in den Menschen widerhallt. Da sprang auch in ihm eine Saite. „Die wird nie wieder ganz.“ Das wußte er. Einmal bekam er einen guten Händedruck. Der war von dem „alten Herrn“. Aber es brauste so wunderlich in Georgs Ohren, er hörte nicht recht, was gesagt wurde. „Ich komme morgen wieder, ich habe Ihnen allerlei zu sagen.“ Dann ging der alte Herr zögernd fort. Er stieg allein hinter den andern drein die Treppe hinunter; das Herz war ihm voll. Das war doch echte Musik gewesen, dennoch, obgleich er, der sie geschaffen hatte, wohl nie zu den Meistern zählen würde, die die Welt anerkennt. Er wollte es ihm sagen, morgen. Als Georg sich nach einiger Zeit umsah, war er allein.
Nicht ganz allein. Emeritz stand an der Tür und machte fragende Augen. „Ob Sie nicht zum Theodor kommen könnten?“ Aber sie fragte umsonst. Er rührte sich nicht. Er saß da, wie einer, der nun nicht mehr weiter kann und auch nicht will und nicht weiß.