Da wetterte sie in ohnmächtigem Grimm und Mitleid die Stubentür und dann die Gangtür zu, und polterte die Treppen hinunter; es sollte poltern, sie wollte es so. Und schwang dabei die Schultasche, die sie in der Hand hatte, daß die Schiefertafel am Treppengeländer verkrachte. Aber mochte sie doch verkrachen, es gab noch mehr Verkrachtes in der Welt. Sie hatte deutlich gehört, was die Herren beim hinuntergehen zueinander sagten; es war viel Spöttisches darunter gewesen, und sie hatte es sofort den Schneidersleuten erzählt und wollte es jetzt der Mutter erzählen.
Aber sie wußte nicht, daß er, dem ihr grimmiges Mitleid galt, droben in Hast und Eile eine Reisetasche packte und nach dem Fahrplan sah. Es war ihn plötzlich angekommen, heimzugehen. Was sollte er noch hier? In seiner Kammer neben dem Taubenschlag wollte er sich besinnen, was nun aus seinem Leben zu machen sei. Und er wollte sich von Liebe umfangen und trösten lassen, und am Glauben der Liebe wollte er wieder an sich selbst glauben lernen.
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Als der alte Herr am andern Tag wieder kam, um sich mit Georg zu besprechen, da saßen Theodor und Emeritz schluchzend beisammen. Er sei fort, sagten sie, in aller Frühe sei er abgereist, und ob er wieder komme, das wisse kein Mensch. Hier liege auch ein Brief an ihn, den müsse man ihm nachschicken nach Wiblingen. Und dann schmiegten sie sich von neuem aneinander, um ihre Betrübnis besser tragen zu können. Lorens Bild aber lächelte noch von seinem Eckbrett herunter. Das hatte er zurückgelassen? Er war ja zu ihr selbst gegangen.
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Es war eine Zeitlang, wohl drei Monate, nachher. Ein stilles Zimmer, grün gestrichene Wände mit wenig Schmuck daran. Beim letzten Schein der sinkenden Sonne saß einer und schrieb.
„Weißt du noch, Gertrud, das Märchen von dem Fuhrmann, der „noch nicht arm genug“ war? Zuerst fiel ihm sein Pferd, dann sein Hund, dann seine Frau, dann sein Haus, dann er selbst. Nun, ich selbst lebe noch. Und vielleicht bin ich jetzt auch arm genug. Denn mehr als mich selbst — und was für ein Ich — habe ich nicht mehr. Es lebt aber irgendwo in mir etwas wie eine tiefe, schauerliche Freude, dochzuleben und dazusein. Das muß für den Anfang genügen. Es muß ja auch denen, die um mich herum sind, genügen, zu leben. Denn viel mehr als das Leben selbst haben sie, die nicht einmal das Licht sehen können, nicht.
Ich will aber versuchen, dir alles der Reihe nach zu erzählen, du bist es wert, du Getreue. Es ist nur nicht leicht, und du mußt verzeihen, wenn hie und da eine Blase aufsteigt und zerplatzt, ich habe hie und da noch einen bittern Geschmack in mir. Es wird ein langer Brief werden.
Also das hast du erfahren, ich schrieb es mit drei Worten deinem Großvater, und du, die du sein Auge bist, hast es ihm wohl vorgelesen: Es war nichts mit dem Lied, das ich singen wollte. Davon zu reden nützt ja nichts. Du weißt, wie es von Anfang an war: als ich mich von der Theologie abwandte, weil sie mir zu groß und zu schwer war, da mußte ich erfahren, daß etwas von ihr meinem Wesen gemäß sei und meine tiefste Neigung besitze. Als ich vor der Kanzel floh, weil ich der Meinung war, daß man den Glauben nicht lehren könne, das Innerste im Menschen, das allem Zugang der Menschen verborgen sei, — da merkte ich erst, daß ich dennoch einen Zug dazu hatte, ihnen zu predigen, wenn man so sagen will. Ich wollte ihnen etwas bringen, ein Aufhorchen auf das, was die Stille redet, einen Glauben an das Innerliche, Unsichtbare, das erst das eigentliche Leben ist, und daran, daß die Sehnsucht nach dem Ewigen Recht behalte.
Und weil mich Worte dazu so unvermögend und arm dünkten, wollte ich versuchen, es in Tönen zu sagen.