Meiner eigenen Sehnsucht und ihrer wollte ich damit nachgehen. Nun, du weißt es, ich bin beides nicht, kein Priester und kein Künstler. Ich wollte es nur sein. Andere sind es, das ist der Unterschied.

Aber genug davon. Ich war noch nicht ganz arm. Ich hatte ja noch meine Liebe. Das war Schmerz und Trost zugleich. Schmerz, weil ich ihr noch kein Haus bauen konnte, — ich wollte jetzt mit ihr beraten, wie es zu machen sei, und wollte ihr auch die Freiheit anbieten; aber mein Herz lachte: das nimmt sie nicht an. — Und Trost, weil ich von jemand sagen konnte: meine Heimat du.

Daß ich dir das erzähle, Gertrud. Aber ich habe sonst keinen Menschen und du hast von Kind auf zu mir gehört.

Ich bin zu spät gekommen. Sie hatte so lang gewartet, als sie konnte. Als ich kam, saß sie an der Nähmaschine und nähte rot- und weißgestreifte Hemden für Franz, und Franz bog eben ihren schönen Kopf zurück, daß er in seinen beiden bloßen Armen lag und sie hatten ein Lachen des Glücks in ihren Gesichtern. Zu lachen, Gertrud, hatte sie nicht viel bei mir, und sie lacht so gern und ist so schön, wann sie lacht. Ich hoffte, es später auch noch zu lernen. Aber es hatte zu lang gedauert. Da ging ich leise von der Tür zurück, die war offen gewesen, und stieg in meine Kammer hinauf. Weißt du, Gertrud, meine Kammer unter dem Dach. Später kam Lore nach. Der Lehrling hatte mich hinaufgehen sehen und es ihr gesagt.

Ich darf ihr nicht zürnen, Gertrud. Sie konnte nicht anders. Franz, der ist ja mein Bruder, der hätte eigentlich —, nun, es hat wohl so sein müssen. Was ist eine Liebe, die keinen Boden hat, keinen rechten, natürlichen Nährboden? Er aber ist Bäcker, Weinwirt und Hausbesitzer und — ich darf nicht bitter sein, ein heiterer, nüchterner Mensch, der keinen vergeblichen Träumen nachgeht. Nur, ich habe sie sehr geliebt, und eine Seite ihres Wesens, die ich kenne, die hätte doch wohl zu mir gepaßt.

Zu dir konnte ich damals nicht gehen, Gertrud, das verzeihst du mir. Es zog mich mit Gewalt zu dir, und du hättest mich aufgenommen. Aber ich konnte doch nicht.

Eins noch aus jenen Tagen: ich kann so gar nicht durchfahren. Ich hätte, wär’ ich ein ganzer Mann gewesen, sogleich wieder gehen sollen, irgendwo hin. Ich gehörte ja doch nicht in dieses Haus. Aber sie kamen herauf und setzten mir auseinander, wie es gegangen sei, ganz verständlich, es war gar nichts dawider zu sagen, und Lore bat mich tausendmal, zu sagen, daß es so besser sei auch für mich. Ich glaube, ich habe sogar so etwas gesagt. Da blieb ich drei Tage. Ich war auch so stumpf und müde. In dieser Zeit schickten sie mir einen Brief von Fritz Hornstein nach, der fragte mich, ob ich „noch nicht genug von der Freiheit“ hätte. „Denn du gehörst ja doch zu uns und in ein Amt gehörst du auch.“ — So? In ein Amt? In was für eins? Ich mochte nicht weiterlesen. Wie ein verlorenes Paradies stand das Ideal meiner Jugend — du kennst es, — vor mir. Sollte es jetzt gut genug sein für einen verlaufenen Musikanten?

Es schüttelte mich. Ich war ja ärmer als je. Was hatte so einer, wie ich, zu geben?

Aber schließlich las ich doch weiter. Falls es dir mit dem Neuschaffen nicht so klappt — verzeih’, daß ich das für möglich halte, aber es kommt ja vor und ich meine, in deinem letzten Brief so etwas gelesen zu haben —“ (ach ja, ich meine es auch), „ich wüßte dir einen Posten, dem ich dich gönnen möchte, wenn er dir auch nicht lang genügen wird. Es wird von einer Blindenanstalt ein Musiklehrer, der auch sonst einige Stunden, am liebsten Religion und Weltgeschichte, und etwa Literatur zu geben hätte, gesucht.

Seit ich das weiß, muß ich immer an dich denken, wie ich dich unter dem Häuflein armer Leute antraf, damals in München. Du magst machen, was du willst, du gehörst dennoch zu uns. Im übrigen wirf mir getrost einige Grobheiten an den Kopf, falls es dir nicht paßt.“