Eine tiefe Röte überzog ihr ernstes Gesicht. Sie kämpfte einen Augenblick mit der Versuchung, ihm zu sagen, daß sie ein Kind im Hause besucht und nicht habe versäumen wollen, ihn auch —. Weg damit. „Ich bin nur zu dir gekommen.“ Das Herz schlug ihr bis an den Hals, aber sie sagte es dennoch. „Ich mußte, ich habe immer zu dir gehört, Georg. Ich habe so lang gezögert, ich hatte — ach, das ist ja gleich. Da bin ich.“

Da zum erstenmal seit — ach seit langer Zeit, überkam ihn eine Bewegung, die warm und weich und schmerzvoll zugleich war und die heiße Tropfen in seine Augen trieb und auf seine Hände fallen ließ. Er dachte nicht daran, sie zu verbergen. „Du bist — mein guter Kamerad,“ wollte er sagen, aber es ging nicht, er schüttelte den Kopf. Da sagte sie es selbst. „Das will ich jetzt auch sein.“

Er mußte sie ansehen. Er hatte sie ja lang nicht gesehen.

Es war eine ernste, reife Schönheit in ihrem Gesicht und Wesen; sie sah älter aus, als ihre Jahre es wollten, aber so sicher und aufgerichtet und auf irgend eine Art froh, von innen heraus. Nun saß sie neben ihm.

Sie las seinen Brief, damit er nicht reden mußte. Dann legte sie ihn zurück auf den Tisch.

„Und nun dennoch?“ fragte sie leise mit den letzten Worten des Briefs.

Da schüttelte er den Kopf. „Ich weiß nicht. Ich meinte, dennoch irgend einen Teil an den Menschen haben. Aber ich weiß nicht, welchen. Ich habe ihnen nichts zu geben. Ich habe nur einen starken Zug zu ihnen, das ist alles. Ach, Gertrud, es geht ein Riß durch mein Leben hindurch. Der läßt sich vielleicht notdürftig flicken, mehr nicht. So viel Mißratenes, so viel verlorene Zeit, vergebliches Streben, unklares Wollen, — ach, es ist nicht aufzuzählen. Und dann auf einmal gar nichts mehr zu haben, nichts, Gertrud. Weg ist alles Schöne, auf das man hoffte, weg wie ein Traum.“

„Das verstehe ich besser, als du denkst,“ sagte sie, und verbarg ihm ihre Augen nicht.

„Man glaubte ein Ziel zu haben, einen eigenen, bestimmten Inhalt für sein Leben, und auf einmal steht man da und hat ganz leere Hände.“

Das mußte sie erlebt haben, das spürte man, und Georg wußte nun, daß auch das wahr sei, was er sich hie und da auszureden versucht hatte, daß er ihr, an die er nicht in einer solchen Liebe gedacht hatte, das Leid des Lebens gebracht hatte. Das kam auch noch hinzu, er senkte den Kopf noch ein wenig tiefer.