„Aber das wird wohl so sein müssen. Die den Armen etwas bringen wollen, eine Liebe oder eine Botschaft, die müssen selber arm gewesen sein. Wie könnten sie sonst die andern verstehen? Warte du nur, es geht dir nichts Gutes ganz verloren, du mußt es nur zuerst wagen, ohne alles dazustehen, ganz allein und ohne Besitz.“

Sie zögerte, ob sie das auch noch sagen solle, was ihr von unten heraufstieg und auf den Lippen lag, dann fuhr sie leiser fort, wie man von einem schönen Geheimnis redet: „Es bekommt alles ein anderes Gesicht für einen von da an. Alles, auch Er, du weißt, wen ich meine. Von dem ihr so oft so zaghaft redet — ich meine, ihr Theologen, weil ihr nicht recht wisset, wo ihr ihn unterbringen sollt. Von da an, wo man sich wundert, daß er die Armen selig preist. Gerade die, die es in sich selber — im Geist, sagt er, — sind. Er muß es auch gewesen sein, sonst könnte er es nicht tun. Dann wüßte er es nicht. Da tritt er einem ganz nah, ganz nah. Alles versteht man anders von da an. Da geht ein neuer Weg in die Welt hinaus, zu den andern. Man versteht sie, wenn sie schwer an sich tragen und hat sie lieb. Das spüren sie. Das schließt sie auf. Ach — fang’ nur an — sagen ist nichts, erleben, das ist alles.“

Er sah sie immer an, solang sie sprach. Er trank das alles in sich hinein, wie man frisches Wasser trinkt.

Nun war sie wahrhaftig wieder auf seinen Weg gekommen, wie damals auf der Landstraße, als er verstört und erschrocken bei dem invaliden Drehorgelmann stand, und wieder faßte sie seine Hand und sagte: „Komm, wir gehen nach Hause.“

Wie war sie ernst und stark, wie war sie gesund und frisch.

Unten läutete eine Glocke, das war für ihn das Zeichen zu einer Stunde.

„Geh’ mit, ich will dir alles zeigen, die Menschen, die großen und die kleinen, und das ganze Haus. Es ist mir heimatlicher, wenn du alles gesehen hast.“

Und sie durchwanderte mit ihm das Haus, und hörte zu, wie er einen blinden Knaben im Orgelspiel unterwies, und saß mit gefalteten Händen dabei, als er nachher eine ernste, schöne Musik ertönen ließ, die ihr fremd war und sie doch vertraut anmutete. Die war aus seiner eigenen Seele geflossen, das wußte sie, und wußte auch, daß er neu aufstehen und das Leben angreifen werde, ja, daß er es im Grunde schon getan habe.

Da ging eine große Freude durch ihr ganzes Wesen hindurch, viel größer, als in jener Nacht, da sie zu erkennen glaubte, daß sie beide, Georg Ehrensperger und Gertrud Cabisius für einander geschaffen seien.

„B’hüet Gott.“ Sie reichte ihm die Hand, da eben die Blinden in langen Reihen mit stillen Tritten in den Saal kamen, und die Abendandacht beginnen sollte. Er konnte sie nicht zur Bahn geleiten.