„Weißt du noch?“ Da machten sie es wie die Alten, die ganz Alten und tauchten in den Jungbrunnen der Kindheitserinnerung ein. Tausend und eine Erinnerung. Hie und da wurden sie lebhaft und verfielen in lauteres Reden, dann erschraken sie vor dem eigenen Ton ihrer Stimmen und flüsterten wieder.
Frau Judith schritt am Stock durch das Gemach, und Jungfer Liese, und die Rektorin, und Hollermann. Und dann glitt ihr Schifflein unvermerkt in das breitere Flußbett des Lebens hinaus.
„Du, Gertrud, wo bist du mit deinen Gedanken?“
Sie schrak auf. Sie hatte soeben einen kleinen Privatausflug gemacht, davon sollte er nichts wissen.
„Ja?“
„Ich bin heute nachmittag drüben gewesen, bei Franz und Lore. Sie wissen gar nicht, was sie mir alles zuliebe tun sollen. Aber, du — du hörst nicht recht zu.“
„Doch, ich höre alles.“
„Du, Lore geht ins Korpulente. Das ist sehr heilsam für mich. Diese Frau mit den dicken Backen und der breiten, gestreiften Schürze habe ich nicht gekannt. Heute, als ich kam, stand sie unter der Ladentür und sah hinaus. Ich hatte ein wenig Mitleid mit ihr; man sollte es nicht glauben, aber es ist doch so. So, als ob ihr Gesicht fragte: ‚Ist das jetzt alles?‘ Und, Gertrud, es ist ja tatsächlich alles. Sie hat ihren Franz und ihren rundköpfigen Buben, und ein gutes Geschäft und viel Geld. Aber ich weiß, irgend etwas in ihr hungert nach mehr. Sie ist nicht zufrieden mit dem allem.“
„Und das ist ihr Bestes,“ sagte Gertrud. „Das ist ein Faden, der sie ans Innerliche, Ewige knüpft. Wenn sie älter wird, wird das Heimweh steigen, und zuerst wird sie meinen, es sei nach dir, und dann wird sie erkennen, daß es nach deiner Welt ist. Und sie wird ihrem Sohn davon erzählen, und wird den Armen Brot und Liebe geben, und wird ihren Mann davor behüten, daß ihm gut Essen und Trinken alles wird. Und das hast du ihr gegeben.“
Da schwiegen sie wieder.