— Wer will sagen, was ein ganzes Menschenlos sei? Vielleicht wird im Entbehren, im tiefen Leid des Einsamseins stärker als im warmen, sonnigen Glück die Ahnung davon wach, daß das hier „nicht alles“ sei.

Daß die kurze Spanne Zeit, die wir unser Leben heißen, nur ein Teil jenes großzügig angelegten Planes sei, in den sich der Schöpfer der Menschengeschlechter nicht hineinsehen läßt. Wie der Geiger, der das schönste Lied suchte, so sucht die Menschenseele einen Ort, da es „bessere Geigen“ gibt, damit einmal, endlich einmal das ganze Konzert von großen, schrecklichen und herrlichen Dingen, die die Menschenbrust zu Zeiten fast zersprengen wollten in Liebe und Sehnsucht, zur Aufführung kommen könne, oder da in dem ungeahnt Allergrößten das jetzt Große untersinke und verstumme.

Mitternacht war vorüber. Sie saßen noch da, manchmal still für sich und in Gedanken jedes, manchmal flüsternd, Gegenwärtiges und Zukünftiges beredend. Daß Georg einen Brief von Emeritz, seiner Münchener Freundin, habe, und daß es ihm gelungen sei, den blinden Theodor in der Anstalt unterzubringen. Gertrud wollte ihn einmal über eine Vakanz zu sich holen und freute sich darauf.

„Er soll es gut haben,“ sagte sie lebhaft und dämpfte sogleich wieder ihre Stimme; die leisen, schwachen Atemzüge, die nur in der tiefen Stille der Nacht hörbar sein konnten, gaben hier drinnen den Ton an. Es ist nichts Geringes, dabeizusein, wenn ein ernster, Gottes und des Lebens bewußter Mensch sich anschickt, in die dunkle Flut unterzutauchen, deren Grund und anderes Ufer wir nicht kennen.

Ein Uhr.

„Horch, er redet.“

Sie traten ans Bett.

Immer ein Wort mit versagender Stimme, schnell aufeinander, dann langsamer, deutlicher, dann kam mehr Stimme hinein.

Immer dasselbe — „ewig — ewig — ewig.“ Immer lauter, immer staunender wurde der Ton. „Ewig — ewig — ewig.“ Sonst nichts. Sie versuchten ihn anzureden. Aber für den leisen Laut einer Menschenstimme war Joachim Cabisius nicht mehr da, er, der zu vergehen schien an etwas ganz Riesigem, ganz Unfaßbarem.

„Ewig — ewig — ewig.“