Dort hinten irgendwo, in dieser blauen Ferne, lag Tübingen.
Sie saßen unter dem Süßapfelbaum und sahen den umfriedeten Garten vor sich liegen in seiner stillen, heimeligen Schönheit. Die Dahlien und Astern und die hochstämmigen Herbstrosen blühten an den Rabatten. Die große Laube schimmerte leuchtend rot; sie war ganz und gar umsponnen von den Ranken des wilden Weins, auf dessen purpurnen Blättern die Sonne lag.
Die schwarz und weiß gefleckte Katze der Frau Rektorin stieg voll Behagen auf dem Gartenweg einher und ließ sich die Sonne auf den Pelz scheinen.
Wie schön war es hier. Und wie schön auch draußen in der Weite. Hie und da fingen sie an, von gleichgültigen Dingen zu reden. Aber es wollte nicht so recht fort mit der Unterhaltung.
Sollten sie von dem und jenem reden, das hier blieb, während Lore ging? Wie es aber draußen sei, davon wußten sie nicht viel. Da zog Lore ein braunes Paketchen aus der Tasche. Es war ein Buch darin. „Das hat mir die Spitalbäbel geschenkt,“ sagte sie.
„Es sei ein Andenken, und ich soll drin lesen. Ich weiß nicht, es ist keine rechte Geschichte, es ist, glaub’ ich, ein bißchen langweilig. Ich hab’ nur so hineingesehen.“
„Langweilig?“ Dann wollten die andern nichts damit zu schaffen haben. Das war das Ärgste von allem.
Die Spitalbäbel war ein einsames, altes Weiblein, das oben in einer Dachkammer desselben Hauses, wie die Putzmacherin Maute, wohnte. Sie war früher Leichenbesorgerin gewesen, und sie hatte in einer längst verflossenen Pockenzeit die Kranken gepflegt, draußen im Siechenhaus, das weit von den andern Häusern auf freiem Feld stand, und nun mit geschlossenen Türen und Fensterladen auf irgend eine neue Inwohnerschaft zu warten schien. Worauf die Spitalbäbel wartete, wußte man nicht so genau. Sie hatte ein kleines Krautgärtlein, das sie baute, und außerdem strickte sie grobe Strümpfe und Socken um mageren Lohn für Handwerksgesellen und Dienstmägde.
Das Siechenhaus hatte für jedermann etwas Unheimliches. Denn wer konnte wissen, zu welchem Zweck es dereinst wieder aufgetan werden würde? Daß aber an der Bäbel selbst auch etwas besonderes hängen geblieben war, das war eine merkwürdige Tatsache.
War es das, daß sie so viel mit den Toten zu schaffen gehabt hatte? Sie hatte ein spitziges Vogelgesicht mit ein paar beweglichen, graugrünen Äuglein, und eine hohe, dünne Stimme. Auch ging sie immer noch gekleidet wie einst als Totenfrau, in ein großes, schwarzes Umschlagtuch, dessen hinterer Zipfel fast die Erde berührte, und mit einer Haube, deren beide schwarze Flügel wie große Nachtschmetterlinge um ihren Kopf flogen. Sie hatte dereinst das Siechenhaus abgeschlossen und den Schlüssel dem Gemeinderat gebracht, und sie allein wußte, wie es nun dort drinnen aussah.