Und das Mütterliche, das den echten Frauennaturen angeboren ist, das regte sich stark in ihr. Aber sie wußte nicht, was es sei. Sie liebte nur alles Zarte, Kleine, und alles, was irgend der Hilfe bedurfte.
Ja, und das Schöne, das liebte sie auch.
Aber es focht sie heute noch nicht an, daß sie selber nicht schön sei. Sie dachte nicht von ferne daran.
Wenn die beiden Mädchen in den nächsten Jahren so nebeneinander herangegangen wären, wie bisher, so hätte es sich, noch mehr als schon jetzt, geoffenbart, daß ihre Wege auseinandergingen.
Es hätte keiner äußeren Trennung bedurft. Denn sie waren von ganz verschiedener Art. Aber nun, da sie schieden und Lore in all’ ihrer frischen, feinen Schönheit dahinging, und aussah, wie ein Schmetterling, der soeben auf die erste Blüte geflogen ist und noch den ganzen Schmelz auf seinen Flügeldecken hat — nun wallte es in Gertrud warm und stark auf: „ach, du kleines Ding.“
Das mochte Lore gern. Sie schmiegte sich an, wie ein Kätzchen.
Da raschelte etwas an dem Lattenzaun, der den Garten vom Stadtgraben trennte.
Als sie aufsahen, schwang sich Franz Ehrensperger daran in die Höhe und kam mit einem Satz herüber in den Rektorsgarten. „Jetzt kommt der,“ sagte Lore und setzte sich zurecht, und streckte ihre zierliche Gestalt, so gut sie konnte und sah sehr würdevoll aus.
Er war in Hemdsärmeln und trug sie aufgekrempelt bis über die Ellbogen, wie das ein richtiger Bäckerjunge tut, und hatte eine weiße Schürze an, die leuchtete durch die Bäume vor großer Sauberkeit. Als er näher kam, sah man, daß er ein Paket in den Brustlatz der Schürze gesteckt hatte. Aber die Gesellschaft unter dem Süßapfelbaum erfuhr nicht, was darin sei.
„Da bin ich,“ sagte er, und stemmte die Arme in die Seite.