Zwölftes Kapitel

So dämmerhaft traulich ging es im Ehrenspergerhaus nicht zu, wenn es etwas zu verhandeln oder zu entscheiden galt. Aber das begehrten die Bewohner auch nicht. Sie hätten sich auch nicht so besonders dafür geeignet. Ein jeder nach seiner Art.

Bei Franzens Berufswahl bedurfte es überhaupt keiner Beratung. So wenig als sich, mit allem schuldigen Respekt zu sagen, ein Kronprinz besinnt, ob er einmal König werden will, so wenig besann sich Franz, ob er der Erbe der goldenen Bretzel werden wolle. Das war ganz natürlich und selbstverständlich. Bei Georg ging es nicht so fraglos zu, das wissen wir von Anfang an. Und also kam der Tag heran, von dem wir jetzt erzählen.

Es ging gegen den Frühling zu und war so ungefähr sechs Wochen vor Ostern, sieben Wochen vor der Konfirmation, Georgs Konfirmation nämlich.

Ja, und zur Nachmittagsvesperstunde war es, so zwischen vier und fünf Uhr.

Vater Ehrensperger saß an dem einen Ende des Vespertischs und der Sohn Franz am andern. Und sie aßen und tranken als gute, friedliche Bürger, die das ihre tun und sich nicht gern unnötige Gedanken machen. Das letztere taten sie denn auch nicht. Über dem Älteren hingen immer noch die beiden Edelleute und machten dieselben Gesichter wie von jeher; über dem Jungen prangte in goldenem Rahmen der Meisterbrief des letztverflossenen Ehrensperger, der, wie bereits gesagt ist, ebenfalls ein Franz gewesen war. Anmutig kreuzten sich zwei schneeweiße Gänseflügel über dem goldenen Rahmen, es sah friedlich aus, wie Franz der Jüngere unter ihnen sein Brot aß.

Jungfer Liese ging ab und zu nach dem Laden, und wieder herein, und hatte gleichfalls eine Seite des Tisches inne, und setzte sich respektvoll immer nur halben Leibes auf den Stuhl. Und so oft sie die Tür nach dem Laden auf und zu machte, drang ein nahrhafter Duft von Brot und Wecken herein, und also war die Luft, wenn man so sagen soll, ganz in der richtigen Mischung für Haus und Leute.

Es war alles gut, herkömmlich und behaglich.

Aber das blieb nicht so.

Denn der lange, magere Bub, der jetzt mit seinem Bücherpack unter dem Arm, mit langen Schritten und hungrigem Gesicht durch die Ladentür herein kam, der dieselbe offen ließ, daß die Schelle bimmelte, bimmelte in einem hohen, dünnen, schrillen Ton, bis Jungfer Liese ging und sie schloß und dazu einiges vor sich hinsagte, was kein Mensch verstand, — und der „heut wieder so ungemein der verstorbenen Frau gleichsah,“ wie Jungfer Liese vorwurfsvoll bei sich selbst dachte, der war so gar nicht herkömmlich, daß er geradezu die Luft verdarb, die behagliche, nahrhafte Luft dieser Vesperstunde.