Georg hatte schon eine Vorgeschichte für seinen Ausspruch; aber als er das Wort gesprochen hatte, staunte er selber mit den andern. Jetzt hatte er es gesagt, jetzt mußte er das auch werden. Da klopfte ihm doch sein Bubenherz.

So war es zugegangen:

Er hatte durch einige Jahre hindurch nicht viel Kameradschaft mit seinen Altersgenossen gehabt. Denn er war ein Einspänner von Natur und schloß sich nicht leicht auf. Auch hatte er, trotz seiner mutterlosen Kindheit, reichlich gehabt, was er fürs Gemüt brauchte; wir wissen es.

Aber nun hatte es ihm einen starken Ruck gegeben. Denn nun fingen sie alle an, sich zu zerstreuen und ein jeder in eine gewiesene Bahn einzutreten. Alle wußten sie irgendwie, wo hinaus. Es schwirrte in jeder Freistunde von Zukunftsplänen. Und das war für Georg Ehrensperger, der ein Träumer war, ein kräftiger Anstoß dazu, daß er sich fest auf die Füße stellte und die Augen rieb, und, da er all das junge Blut um sich her als etwas nah Verwandtes erkannte, es ihnen gleich tun wollte. Und da er erschrocken war, wie einer, der zu lang geschlafen hat und es nicht Wort haben will und rasch nach einer Arbeit greift, um es zu verbergen, so griff er schnell ins Leben hinein: her mit einer Aufgabe! ich will hier auch mittun. Ganz ernsthaft will ich hier mittun.

Konnte er den Kameraden, wenn sie ihn fragten: was willst du werden, Ehrensperger? — konnte er ihnen sagen, was er sich nächtlicher Weile unter der Bettdecke ausgedacht, oder was er mit Hollermann ausgemacht hatte? Das alles hatte ja weder Hand noch Fuß für ihn. Traumland war es. Kein einziger von allen wollte Musiker werden, es fiel keinem ein. Das konnte man wohl gar nicht.

Also gab er sich einen gewaltigen Ruck und legte die klingenden Zukunftsträume auf den Altar der Vernunft, und gedachte auch ganz ernsthaft, sie dort zu lassen, und machte zu dieser Verrichtung des Opfers ein Gesicht, streng und pflichtbewußt, wie ein spartanischer Knabe, der seine schwarze Suppe ohne Mucken aß, weil das Vaterland es wollte.

Es war aber bezeichnend für diese Zeit, daß er nicht den Rektor um Rat fragte, sondern sich mit den Schulbuben beriet, die seinesgleichen wenigstens dem Alter nach waren.

Und weil Fritz Hornstein, der Sohn des Oberförsters von Aichelbronn, Pfarrer werden wollte, ganz aus eigenem Antrieb, und weil Fritz Hornstein der feinste, klügste unter den Buben war, Georgs heimliches Ideal, und weil er sagte, Pfarrer zu werden dürfe einen niemand anweisen, das müsse man ganz selbst, von innen heraus, (— so sagte er wirklich —) so wurde es Georg auf einmal ganz klar, daß er ebenfalls ganz aus eigenem Antrieb Pfarrer werden wolle, und daß es ihn niemand anweisen dürfe, sondern daß er es deutlich in sich selber spüre, daß er das werden müsse.

Es war ihm zwar ein Trost, zu denken, daß man als Pfarrer immer den Kirchenschlüssel habe und darum an jedem Werktag ohne Zeugen in der leeren Kirche die Orgel spielen könne. Denn das tat der sehr musikliebende Stadtpfarrer öfters und das gedachte er dann auch zu tun.

Das hatte er sich nun deutlich ausgesonnen und so konnte er seine Antwort ohne Zögern geben. Daß er vor der Größe des Augenblicks erschrak, war nur natürlich.