Der Alte nickte ein wenig verlegen. Er hatte es ja richtig vergessen gehabt. Er war auch darum verlegen, weil der Bub, mit dem er immer wache Träume gesponnen hatte, nun auf einmal so pflichtbewußt und selbstsicher vor ihm stand. Das war ja gar nicht mehr derselbe Bub.
Da hatte der zum Glück einen unvernünftigen Augenblick. „Dir kann ich’s schon sagen,“ — er tat wichtig und geheimnisvoll, — „sobald ich so ein bißchen voran bin, da unter den Stadtschülern, und sehe, daß sie mich nicht hinunterkriegen, dann — es ist ein Klavier in dem Haus, in das ich komme. Das kommt schon alles noch dran, später. Man wird schon sehen, was noch kommt. Ich, wenn ich Pfarrer bin, — und habe den Kirchenschlüssel, dann — dann will ich alle Werktag, wenn niemand in der Kirche ist, Orgel spielen. Dann hol’ ich dich. Dann kannst du zuhören.“
Der Alte schüttelte leise den Kopf: „Das hör’ ich nicht mehr.“
Aber der Knabe hörte das nicht.
Ihm flogen die Gedanken wieder über die nüchterne, pflichtgetreue Wirklichkeit hinaus, wie Vögel, und setzten sich auf einen Wunderbaum, der irgendwo in der Welt draußen stand und fingen an zu flöten und zu singen: „Das Leben macht die Tore weit, weit, weit! Zicküh, zicküh, es hat alles drin Platz.“
Und unter dem Baum stand die Jugend und reckte ihre herrlichen Glieder und nickte ihm mit leuchtenden Augen zu:
„Natürlich ist das so. So lang ich währe. Wie lang ich währe? Immer, immer, weißt du das nicht?“
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Also guckten seine jungen Träume hie und da zwischen den großen Pflichtgedanken heraus, wie fröhliche Kindergesichter zwischen zugezogenen Vorhängen. „Wir sind noch da; wir kommen schon wieder; es macht uns nur Spaß, so ehrbar zu tun.“ Das wußte Georg selbst nicht. Er nahm es gewaltig ernst mit allen guten Vorsätzen und mit seiner neuen, verständigen Jungmännerwürde.
Gertrud hätte davon zu sagen gewußt. Er quälte sie viel in dieser Zeit. Sie sagte aber nichts. Manchmal lachte sie, und manchmal gab sie einen Puff zurück und gestern abend war sie ihm kurzer Hand davon gelaufen.