Nein, sie war nicht empfindlich, das konnte man nicht sagen. Wenigstens nicht mehr, als unter diesen Umständen billig war. Sie machte den großen Gedankensprung mit. Also würde es doch wie sonst. Das war die Hauptsache.
Da lachte sie. Sie war froh darüber.
„Du, gestern hat mich der Großvater gefragt, ob ich nicht Lehrerin werden wolle. Ich weiß aber nicht. Wir hatten einmal eine, als ich noch in der Volksschule war, in der untersten Klasse, nein, in der zweiten. Die hatte einen so langen Stock, daß sie damit über eine ganze Bank hinreichen konnte. Wenn eins nicht aufpaßte, zog sie allen eins hinten über. Den Stock hat ihr der Oberlehrer abgeschnitten. Und dann leckte sie sich immer die Lippen ab. Ich dachte immer: was sie wohl heut gegessen hat? Ich weiß nicht, ob ich eine Lehrerin werden will.“
„Darum?“ sagte Georg. „Das brauchst du ja nicht nachzumachen. Du kannst ja auch eine nette werden. Das kommt ja auf dich an.“
„Ja, wenn du meinst?“ Sie machte ein ernsthaftes Gesicht. Das tat ihm mächtig wohl. Nun konnte er seine Überlegenheit zeigen. „Ach,“ sagte er, „es ist ja einerlei, Buben müssen etwas Rechtes werden. Meine Kameraden werden alle etwas, ich auch. Bei Mädchen ist das nicht so wichtig. Du kannst auch zu Hause bleiben. Es ist einerlei.“
Da stand sie schon in der Haustür. Wie der Wind war sie die Steintreppe hinaufgefahren. Die braunen Zöpfe lagen ihr um den Kopf. Sie machte ein hochmütiges Gesicht. Darin verstand sie keinen Spaß.
„So warte doch, ich gehe mit. Du, Gertrud, spring doch nicht so.“
Aber sie rief schon von der Treppe her: „Ich habe mich ganz vergessen, ich muß üben. Ich habe nachher Klavierstunde.“
Weg war sie.
Da machte er ein grimmiges Gesicht. Klavierstunde? und er? Da stieg er langsam hintendrein.