Aber nach einer Weile guckte Gertrud lachend hinter der Großmutter vor. Die war beschäftigt, ihm die Taschen mit Nüssen zu füllen. „Sie sind von unserem großen Baum. Du bist oft genug darunter gesessen. Vergiß nicht“ —, da stieg ihr etwas Gerührtes bis in die Kehle empor. „Vergiß nicht, daß du hier daheim bist,“ sagte der Rektor. Das hatte sie nicht sagen wollen; sie hatte einige kleine Ermahnungen bereit gehalten. Die waren nun im Keim erstickt.

Aber was schadete das?

Sie gaben ihm mehr mit ins Leben hinaus, als Ermahnungen, viel mehr.

Sie hatten Sonne und Wärme in seine Kinderjahre gebracht. Sie waren so unüberwunden vom Weltleid und von allen grauen Geistern. Und sie behielten ihm einen Schatz von Liebe auf, dessen Zinsen, das wußte Georg, er jederzeit erheben konnte, solang — ja, solange die beiden da waren.

Zweites Buch

Erstes Kapitel

Sollen wir mit den beiden jungen Leuten ins Leben hinausfahren?

Sie sitzen in der Eisenbahn, und die Lokomotive schnaubt und zischt, ungeduldig wie ein Renner, der am Zügel gehalten wird und auf das Zeichen wartet, das ihn dahinfliegen läßt.

Der Rektor Cabisius steht an dem einen Fenster, und sagt zu Georg Ehrensperger: „Grüß den Herrn Professor Lindemann von mir. Ich — ich hab’ einmal eine Wanderung mit ihm gemacht, den Rhein hinunter, und wir haben in Rüdesheim miteinander, — doch, das ist lange her. Grüß ihn von mir.“

Und die Postmeisterswitwe Daxer, die große, hagere Frau mit dem strengen Gesicht, das dem ihres Sohnes so unähnlich wie möglich ist, steht an dem anderen Fenster, und langt mit ihrer zerarbeiteten Hand hinein und streicht ihrem Buben ein paarmal säubernd über den Ärmel. „Du bist an der Wand gestreift,“ sagte sie, „gib fein acht auf deine Sachen. Der Anzug ist aus Vaters Sonntagskleidern.“ Sie hat fünf Kinder, von denen Ernst das älteste ist, und sie läßt sich’s sauer werden, mit ihnen durchzukommen. Sie wurde Witwe, als das Kleinste eben geboren war. Da, im strengen Kampf gegen die Armut und gegen das Verderben der Kinder, sind ihre Züge und ihre Hände etwas hart geworden. Auch kann sie keine besonders lieben Worte machen. Aber man muß ihr jetzt in die Augen sehen. Ein ganzer Quell von Mutterliebe liegt darin. Und da kommt noch zu guter Letzt Meister Nössel an, mit einer Traglast zerrissener Kleider beladen, die er in sein altbekanntes grünes Tuch gehüllt hat, und zwinkert mit den Augen, und weiß nicht recht, was sagen, so voll ist er von der Bedeutung des Augenblicks, und sagt ein paarmal hintereinander: „Also so weit wären wir, so weit wären wir.“