Und die beiden Reisenden nicken heraus und wissen auch nichts mehr zu sagen. Draußen ist die Ferne, die lockt und schimmert, und die auch ihr Grauen hat, und hier ist die Heimat. Es sitzt etwas wie ein Butzen in ihrem Hals. Es ist gut, daß es nun abgeht.
Sollen wir mit ihnen fahren? Sie werden viel Neues erleben, und das Leben wird an ihnen arbeiten, da sie meinen, selbst tüchtig an der Arbeit zu sein.
Oder sollen wir hier bleiben, wo die Alten sind, deren Tag sich neigt? Sollen wir noch ein Stück weit mit ihnen gehen und zusehen, wie die sinkende Sonne einen milden, heiteren, lichten Schein über ihre guten Gesichter wirft?
Wir sind alle Wandersleute, wie wir wissen, und beides verlohnt es sich für uns zu sehen: wie die Jungen ins Leben hineingehen, und Besitz davon ergreifen, und feste, dauerhafte Häuser da zu bauen gedenken, — und wie die Alten sich leise davon los machen und hinausgehen.
Wir werden beides zu sehen bekommen. Es reist sich leicht und schnell in Gedanken. Wir kommen wohl noch hinter den Jungen drein, wenn es dann an der Zeit ist. Um es rund heraus zu sagen: wir haben jetzt gerade hier zu tun. Wir haben den alten Hollermann zu pflegen, und wir haben noch einiges von ihm in Empfang zu nehmen, eh’ er seine ledernen Pantoffel für immer auszieht und seine windschiefe Lehmhütte verläßt und sich auf die Reise begibt, — auf die Suche nach dem Land, in dem es nach seiner Meinung „bessere Geigen“ gibt.
Er saß noch eine Zeitlang am Fenster, das auf die Felder hinausgeht, und manchmal versuchte er auch, noch einen Korb zu flicken. Aber damit ging es nicht mehr recht. Da ließ er es. Es wußte niemand so recht, was seine Krankheit sei. Eines Tags schickten ihm die Freunde den Doktor, den schwarzbärtigen starken Mann, der in dem bekannten Haus am Marktplatz wohnte. Der war zuerst ein wenig kurz angebunden und seine Augen blitzten unter den buschigen Brauen hervor. Es war seine Art so, er meinte es nicht böse. Aber nach einer Weile saß er neben dem alten Korbflicker am Fenster. „Ja, ja,“ sagte er, „das ist freilich das Vernünftigste. Sich schicken, das muß jeder. Ich will Ihnen weiter keine Flausen vormachen; es ist das Alter, und das Herz, das tut nicht mehr mit. Ja, ja.“ Er hatte aber ein Wohlgefallen an dem alten Mann. Der saß so gelassen da und sein Gesicht war so mild und freundlich, wie der Oktobertag draußen. Und er hatte zu dem Doktor gesagt: „Es freut mich, daß Sie mich besuchen; es freut mich. Ich — wissen Sie, ich habe hier so eigentlich nichts mehr verloren, und es nimmt mich Wunder, es nimmt mich schon lang stark Wunder, was nachher kommt. Da ist so vieles, über das ich mich besonnen habe, wenn ich so allein dasaß bei meiner Arbeit, oder nachts, wenn ich keinen Atem kriegen konnte im Bett, und hinaussah, wie die Sterne da oben hingehen. Da steht ja in den Büchern, die die klugen und gelehrten Leute schrieben, das seien lauter Welten, und man könne nicht wissen, wer darauf wohne. Ganze Welten, Herr Doktor, und so viele, daß einem die Augen vergehen, wenn man nach ihnen hinsieht. Ob da Menschen sind und ob der eine Gott nach ihnen allen hinsehen kann und anordnen, was da geschehen soll? Und was mit uns selber geschieht? Da stehen lauter Fragen, rings herum. Und darum“ — er lächelte still vor sich hin, „darum denk ich oft: kann sein, du erfährst etwas von dem allem, wenn du da hinüber kommst. Daran herumraten hilft nichts; aber erleben, Herr Doktor, erleben. Nein, es braucht Ihnen nicht leid zu tun, ich kann hier gut abkommen.“ Der Doktor sah ihn freundlich an und nickte ihm zu.
Er war selber schon mit einer großen und treibenden Wißbegierde vor den tiefen Fragen des Weltalls gestanden und hatte nichts unversucht gelassen, um hinter die Geheimnisse zu kommen, die so groß und dunkel dastanden. Hie und da war es ihm gewesen, als ob ihn die Wissenschaft in große, lichte Weiten schauen lasse, die glänzten wie im Morgenrot und verhießen einen vollen Tag. Und manchmal war er wieder dicht vor dem Nichts gestanden, das hatte ihn mit kalten, furchtbaren Augen angesehen. Es war aber etwas in ihm, noch aus seinen Kindertagen her, das fragte immer noch weiter. Das war nicht mit dem Nichts zufrieden und wußte doch, daß das Rätsel nicht zu raten ist: Woher wir kommen und wohin wir gehen, und was für ein Sinn in dem ganzen Getriebe des Lebens ist.
„Erleben, Herr Doktor, erleben,“ sagte der alte Mann neben ihm und sagte, daß er gern von hier fortgehen wolle, weil er denke an einen Ort zu kommen, wo ihm einiges gesagt werde von dem, was ihm die Seele fragend bewegte. Ja, er hoffte wohl, daß ihn der liebe Gott auf die Arme nehme, wie ein Vater sein Büblein: „Da, nun sieh einmal zum Fenster hinaus: Siehst du? Sieh dir’s recht an. So ist das.“ Und wiese ihm mit dem Finger dahin und dort. Und stellte ihn auf den Boden, satt und froh vom Schauen.
Es war dem Doktor, als wärme er sich an einem hellen und freundlichen Feuer, wenn er auch nicht so sagen konnte, wie Hollermann. „Ich komme wieder,“ sagte er, als er ging, und gab dem Alten die Hand. Und er kam auch wieder, obgleich da nichts zu kurieren war.
Die Freunde kamen, einer um den andern. Meister Nössel und der Rektor Cabisius, und die Frau Rektorin wäre gerne auch gekommen, wenn sie nicht mit einem Rheumatismus hätte im Lehnstuhl sitzen müssen. Den hatte sie sich beim Wäscheaufhängen geholt. Nun saß sie und ärgerte sich weidlich, da angebunden zu sein, und kam sich vor, wie die jüngste Frau, die eigentlich mit solchen Dingen nichts zu schaffen zu haben brauchte, trotz ihrer zweiundsiebzig Jahre, und schickte Gertrud im Haus hin und her mit Aufträgen, treppauf, treppab. „Gertrud hier, Gertrud da.“ Gertrud war jetzt vierzehn Jahre alt, zu groß, um mit den Lateinschülern zusammen zu sitzen, sagte die Großmutter. Die begehrte nun ihr gutes Recht an dem Mädchen. „Halbpart, Mann,“ sagte sie, wann die beiden, der Rektor und die Enkelin, sich nun allzu tief in die Bücher verbeißen wollten, die in den hohen Schränken standen, und nach denen beider Sinn stand. Was waren da noch für Schätze zu heben. Ein Lebenlang mußte man daran zu sammeln haben.